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#1
Jubiläumsjahr: 100 Jahre Burgenland
Seit 100 Jahren ist das Burgenland ein Teil Österreichs. Die Siegermächte des Ersten Weltkriegs sprachen den schmalen Streifen Deutschwestungarn Österreich zu, 1921 wurde das Burgenland genannte Gebiet als selbständiges Bundesland an Österreich angegliedert. Vom lange belächelten Armenhaus Österreichs hat sich das jüngste Bundesland zum modernen Wirtschaftsstandort entwickelt.

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1918 zerfiel die Habsburgermonarchie. Es stellte sich die Frage der Staatszugehörigkeit jener überwiegend deutschsprachigen Bevölkerung, die in Westungarn lebte. Die Siegermächte sprachen den schmalen Streifen Österreich zu. Ungarn versuchte vergeblich, das zu verhindern. Nur die logische Landeshauptstadt Ödenburg blieb nach einer Volksabstimmung bei Ungarn.

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Major Lawrence Martin: Grüße aus Amerika
Die Geburt des Burgenlandes reicht zurück bis zum Vertrag von Saint Germain vom 10. September 1919, als Deutschwestungarn völkerrechtlich ein Teil Österreichs wurde. Maßgeblichen Anteil daran hatte die Tätigkeit der sogenannten Coolidge Mission und des amerikanischen Geographen Major Lawrence Martin. Seine Studien über die Bevölkerungs- und Wirtschaftsstruktur Deutschwestungarns lieferten die Grundlage für die Grenzziehung. Seine Nachfahren, die in Amerika leben, haben dem ORF Burgenland eine Video-Grußbotschaft geschickt. Seine Enkelin sagt darin: „Liebe Grüße ans Burgenland zum 100er. Mein Großvater wäre stolz und glücklich, wenn er die Vielfalt und den Wohlstand des Burgenlandes heute sehen könnte.“

Auch seine Urenkelin und sein Urenkel gratulieren in der Botschaft und sprechen von einer wunderschönen Region. Der Ur-Ur-Enkel des Geografen gratuliert dem Burgenland zum 100. Geburtstag sogar auf Deutsch.

1921: Angliederung an Österreich
1921 wurde das Burgenland genannte Gebiet als selbständiges Bundesland an Österreich angegliedert. Die Menschen lebten hauptsächlich von der Landwirtschaft. Grund und Boden war in Besitz einiger weniger Adelsfamilien. Das Leben war hart in diesen ersten Jahren des Aufbaus. Viele mussten aus wirtschaftlicher Not auswandern.

Der Anfang vom Ende der Ersten Republik
1927 machten die Schüsse von Schattendorf österreichweit politische Schlagzeilen. Mitglieder der örtlichen Frontkämpfergruppe erschossen bei einem Aufmarsch zwei Menschen, wurden aber wenige Monate später in Wien freigesprochen. Aufgebrachte Arbeiter steckten nach diesem politisch motivierten Urteil den Justizpalast in Brand. 89 Menschen wurden von der Polizei erschossen – der Anfang vom Ende der Ersten Republik. „Dann hat natürlich auch das Burgenland die Turbulenzen der 30er-Jahre mitgemacht, das tragische Jahr 1938, das sogar die Auflösung dieses Landes auf die zwei Nachbargaue Niederdonau und Steiermark gebracht hat, und dann das Jahr 1945, das eine schwere Erschütterung durch den Zweiten Weltkrieg war, aber zugleich die Wiedergeburt dieses Landes gebracht hat“, so der Historiker Gerald Schlag in einem Interview 2001.

Der Eiserne Vorhang, die Brücke von Andau und Kery
1956 kam es zum Volksaufstand im kommunistischen Ungarn. 200.000 Menschen flohen in den Westen, viele über das Burgenland. Für 70.000 wird die Brücke von Andau über den Einser-Kanal das Nadelöhr in die Freiheit. Sie wurden mit offenen Armen empfangen und erstversorgt. Schnell aber wurde der Eiserne Vorhang wieder dicht gemacht. Er behinderte in den kommenden Jahrzehnten die wirtschaftlichen Entwicklung im Burgenland. Dennoch begann in den 1960er Jahren ein wirtschaftlicher Aufschwung, untrennbar verbunden mit dem Namen Theodor Kery (SPÖ). Der Langzeitlandeshauptmann ließ vor allem in die Infrastruktur investieren, in den Straßenbau und in die Bildung. „Wir wollen uns dabei auf niemanden verlassen, wenngleich wir gerade als ärmstes Land die Hilfe am notwendigsten brauchen“, so Kery damals.

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Theodor Kery war von 1966 bis 1987 Landeshauptmann vom Burgenland

St. Margarethen als Tor in die Freiheit
Das Burgenland blieb aber noch ein Land der verlängerten Werkbänke, der schlecht bezahlten Fließbandjobs und der Wochenpendler. 1989 dann ein entscheidender Impuls: Die kommunistischen Regimes in Osteuropa zerfielen. Der Eiserne Vorhang wurde abgebaut. Die Außenminister von Ungarn und Österreich halfen symbolisch mit. Für 600 Ostdeutsche wurde St. Margarethen zum Tor in die Freiheit. Sie flohen in den Westen. Heute erinnert ein Museum an diese historisch bedeutsamen Ereignisse.

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Die kommunistischen Regimes in Osteuropa zerfielen, der Eiserne Vorhang wurde abgebaut
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St. Margarethen wurde zum Tor in die Freiheit

1995: Der EU-Beitritt Österreichs
Für das Burgenland öffneten sich neue Märkte. Unternehmer wie der Baustofferzeuger Michael Leier machen gute Geschäfte in Osteuropa. Verstärkt wurde der wirtschaftliche Aufschwung durch den EU-Beitritt Österreichs 1995. Das Burgenland bekam als immer noch strukturschwache Region besonders hohe Ziel-1-Förderungen. Diese lockten Firmen ins Land. Der oberösterreichische Lenzing-Konzern baute ein Faserwerk in Heiligenkreuz – der größte Industriebetrieb des Burgenlands. Das Land investierte auch in den sanften Tourismus und baute Thermen. Förderungen aus Brüssel wurden pünktlich und vollständig abgeholt und durch Geld von Bund und Land ergänzt. „1995 beginnend war es die Infrastruktur, die ausgebaut wurde. In den Folgejahren gab es neue Betriebsansiedelungen. In Bildung wurde investiert. Und jetzt ist der nächste Schritt zu setzen, das ist Forschung, Entwicklung und Innovation“, so der damalige Landeshauptmann Hans Niessl (SPÖ).

Das Land der erneuerbaren Energie
Investiert wurde und wird vor allem auch in den Ausbau der erneuerbaren Energie. Dank der Windkraft erzeugt das Burgenland mittlerweile deutlich mehr Strom als im Land verbraucht wird.

100 Jahre nach der Angliederung an Österreich wurde aus dem Armenhaus Burgenland eine Vorzeigeregion. Nach Jahrzehnten in einer Randlage am Eisernen Vorhang, ist das Burgenland ins Zentrum Europas gerückt. Dank finanzieller Unterstützung durch die EU ist es nun auf der Überholspur.
Auch die burgenländischen Parteichefs haben Glückwünsche an das jüngste Bundesland Österreichs – mehr dazu in Burgenland feiert 100. Geburtstag.

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Naturpark Landseer Berge
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Schloss Rotenturm

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Basilika Frauenkirchen

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Burg Güssing

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Bad Sauerbrunn

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Hauptplatz Rust

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Die Raab im Bezirk Jennersdorf

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Steppenrinder in Illmitz

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Gloriette Eisenstadt

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Schloss Esterhazy in Eisenstadt

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Radfahrer am Neusiedler See

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Aussichtsturm am Neusiedler See

ORF Burgenland: 100 Jahre – 100 Plätze
Der ORF Burgenland würdigt das Jubiläum das ganze Jahr über mit zahlreichen Sendungen, wie die 100-teilige Serie „100 Jahre – 100 Plätze“, die montags und donnerstags nach „Burgenland heute“ zu sehen und im Programm von Radio Burgenland zu hören sein wird. Anhand 100 burgenländischer Plätze werden 100 Besonderheiten des Burgenlandes vorgestellt. Begleitend dazu gibt es auf Radio Burgenland das Gewinnspiel „100 Plätze – 100 Fragen“. Die Hörerinnen und Hörer von Radio Burgenland raten mit, welcher Platz gesucht wird.

Sendungshinweis
„Österreich-Bild“, Sonntag, 3.1.2021, 18.25 Uhr, ORF2
Österreich Bild „100 (Lebens)Jahre Burgenland“
Im Burgenland leben noch etwa 30 Menschen, die genauso alt sind, wie das jüngste Bundesland. In einem „Österreich-Bild“ am Sonntag begeben sich Gestalterin Kris Krenn und Kameramann Richard Marx auf eine Reise durch das Burgenland, um einige von ihnen vor die Kamera zu holen.
01.01.2021, Norbert Lehner, burgenland.ORF.at
Jubiläumsjahr: 100 Jahre Burgenland
 

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#2
100 Jahre Burgenland
„Zeitsprünge“: Projekt ermöglicht Zeitreisen
Zu einer Zeitreise in das Burgenland von einst lädt das Internet-Projekt „Zeitsprünge“. Der pensionierte Geschichtslehrer Walter Hermann aus Pöttsching (Bezirk Mattersburg) hat eine Webseite gestaltet, auf der die Veränderungen im Land anschaulich gemacht werden. Alte und neue Fotos können dabei ganz einfach übereinander geschoben werden.
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Geplant waren 100 Zeitsprünge zu 100 Jahren Burgenland. Doch mittlerweile sind es schon mehr als 300 Bildpaare, die Walter Hermann auf seiner Webseite zum direkten Vergleich anbietet. Jeweils ein altes und ein neues Foto liegen dabei übereinander, mithilfe eines Computerprogramms kann das eine über das andere geschoben werden. So wird die Veränderung von Ortsbildern im ganzen Land besonders deutlich.
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Der pensionierte Geschichtslehrer Walter Hermann aus Pöttsching (Bezirk Mattersburg)

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Fotoprojekt Zeitsprünge
Steinbrunn damals und heute
Fotoprojekt Zeitsprünge

Fotoprojekt Zeitsprünge

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Fotoprojekt Zeitsprünge
Jennersdorf damals und heute
Fotoprojekt Zeitsprünge

Fotoprojekt Zeitsprünge

Gesprächsstoff zum Staunen
Hermann lädt mit seinem Projekt zum Schauen, Staunen aber auch zum Nachdenken ein: „Wie ist es damals gewesen? Was fehlt heute? Ist damals etwas schöner gewesen, oder darf man das auch nicht zu romantisierend sehen? Also da heraus können viele Gespräche auch in den Familien entstehen. Und ich glaube, darin liegt auch der doppelte Reiz: das Publizieren einerseits und das Auseinandersetzten andererseits.“

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Fotoprojekt Zeitsprünge
Stegersbach damals und heute
Fotoprojekt Zeitsprünge

Fotoprojekt Zeitsprünge

Gleiche Perspektive einst und heute
Hermanns Zeitsprünge leben von Zusendungen aus allen Teilen des Landes. Wer immer eine interessante alte Ansicht findet, kann versuchen, die gleiche Perspektive in der Gegenwart zu fotografieren: Etwa die Kuhweide, die einer breiten Straße gewichen ist. Oder die Streckhof-Zeile, auf der heute ein Wohnblock steht. Das Projekt kommt gut an und wird auf alle Fälle über das Jubiläumsjahr 2021 hinaus weiterlaufen.
Wer immer eine interessante alte Ansicht findet, kann versuchen, die gleiche Perspektive in der Gegenwart zu fotografieren
14.01.2021, red, burgenland.ORF.at

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„Zeitsprünge“: Projekt ermöglicht Zeitreisen
 

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#3
Burgenland – das jüngste Bundesland?
Mit Jahresende 1921 wurde das Burgenland das jüngste Bundesland Österreichs. Ist das aber tatsächlich so? Immer wieder weisen Historiker darauf hin, dass das Burgenland eben nicht das jüngste Bundesland ist, sondern Wien – eine Frage, die gar nicht so einfach zu beantworten ist.
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Damit diese Frage beantwortet werden kann, muss die Geschichte des Burgenlandes noch einmal aufgerollt werden. Im Juli 1919 wurde das Burgenland Österreich zugesprochen. Österreich erklärte das Burgenland mit Oktober 1920 zum selbstständigen Bundesland – am 25. Jänner 1921 wurde das im Burgenlandgesetz gesetzlich verankert. Wien wurde per Gesetz erst mit 1. Jänner 1922 ein selbstständiges Bundesland.

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Österreich erklärte das Burgenland mit Oktober 1920 zum selbstständigen Bundesland
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Am 25. Jänner 1921 wurde das im „Burgenlandgesetz“ gesetzlich verankert
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Ödenburg war damals die Landeshauptstadt
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Wien wurde per Gesetz erst mit 1. Jänner 1922 ein selbstständiges Bundesland
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Grenze Österreich-Ungarn

Burgenland oder doch Wien?
„Ja, das Burgenland ist das jüngste, wenn man es territorial betrachtet, weil eigentlich das Bundesland Burgenland erst entstanden ist und dann erst, nachdem es ein Bundesland war, an Österreich angeschlossen wurde. Und das ist spät im Jahr 1921 passiert“, so Historiker Gerald Schlag. Spät deshalb, weil ungarische Freischärler Ende August 1921 die Landnahme durch die österreichische Gendarmerie verhinderten. Spät auch deshalb, weil erst nach der Volksabstimmung in Ödenburg/Sopron im Dezember das neue Gebiet – als Bundesland – zu Österreich kam.

Wien wurde mit 1. Jänner 1922 ein selbstständiges Bundesland. Das sei ein rechtliches Problem gewesen. Man habe sich dazu entschlossen, Wien, das seit dem Mittelalter die Hauptstadt von Niederösterreich war, jetzt in einer demokratischen Republik von Niederösterreich zu trennen – aus politischen Gründen. Dieser Beschluss sei schon 1920 gefallen. Es brauchte allerdings Zeit, bis beide Landtage und der Wiener Gemeinderat das durch entsprechende Beschlüsse sanktionierten. Der endgültige Punkt sei dann der 1. Jänner 1922 gewesen, sagte Schlag.

„Frage der Sichtweise“
Ob jetzt Wien oder das Burgenland das jüngste Bundesland ist, sei eine Frage der Sichtweise, so Schlag. „Es ist eine Frage der Sichtweise. Natürlich auffallender und bedeutender ist, wenn ein ganzes Land mit ich weiß nicht wie viel Menschen und Dörfern dazugetreten ist. Wien hat eigentlich nur einen rechtlichen Status verändert.“ Wie so vieles in der Geschichtsforschung ist also auch die Frage nach dem jüngsten Bundesland eine Frage der Interpretation. Eines ist aber fix: Das Burgenland ist seit 100 Jahren ein österreichisches Bundesland.

Dunst: „Modellregion im Herzen Europas“
Auch Landtagspräsidentin Verena Dunst spricht vom 25. Jänner als ganz besonderem Tag im Jubiläumsjahr. „Das Burgenlandgesetz war die Geburtsstunde unseres Bundeslandes. Es hat den Grundstein für unsere heutige Heimat gelegt“, so Dunst. Das Burgenland habe sich von einer der ärmsten Gegenden zu einer Modellregion im Herzen Europas entwickelt, so Dunst weiter. „Die Menschen im Burgenland haben mit ihrem Fleiß, ihrer Mentalität und ihrem Zusammenhalt wesentlich dazu beigetragen.“
25.01.2021, red, burgenland.ORF.at
Burgenland – das jüngste Bundesland?
 

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#4
1921 bis 1923: Eine Frage der Grenzziehung
Im Zuge des 100. Geburtstages des Burgenlandes spricht der Nikitscher Historiker Michael Schreiber mit Redakteurin Bettina Treiber über markante Ereignisse. In der dritten Folge geht es um die Jahre 1921 bis 1923: die Verhandlungen beim Venediger Protokoll, die Abstimmung über Sopron und den Tauschhandel beim Grenzverlauf.

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Das Gebaren Ungarns seit der Unterzeichnung der Friedensverträge von St. Germain und Trianon und der am Widerstand der Freischärler gescheiterte erste Versuch der Landnahme hatten gezeigt, dass allen vertraglichen Verpflichtungen, die Ungarn eingegangen war, zum Trotz, die Angliederung des Burgenlandes nicht einfach vollzogen werden konnte. Im September 1921 sahen aber Ungarn und Österreich die Situation als so schwierig an, dass sich beide Seiten an Italien wandten, das seine Vermittlung in dieser Frage schon zuvor angeboten hatte. Nachdem sich beide Seiten über diplomatische Kanäle verhandlungsbereit zeigten, traf sich der italienische Außenminister Pietro Tomasi de la Torretta mit dem österreichischen Bundeskanzler und Außenminister Johannes Schober in Wien. Dabei wurde auch der ungarische Vorschlag besprochen, dass die Ungarn das Burgenland räumen würden, wenn Sopron bei Ungarn bleibt. Schober gab für dieses Ansinnen, wenn auch nicht bedingungslos, grünes Licht.


Sherrill, Charles Hitchcock, Public domain, via Wikimedia CommonsJohannes Schober

Venediger Protokoll
Am 11. Oktober lud der italienische Außenminister Tomasi de la Torretta Vertreter Österreichs und Ungarns in den Palazzo Corner von Venedig. Die Verhandlungen für Österreich leitete Johannes Schober in Begleitung dreier Diplomaten und für Ungarn Ministerpräsident István Bethlen und Außenminister Graf Miklos Banffy, ihrerseits von zwei Diplomaten begleitet. Die Gespräche sollten streng vertraulich geführt werden, weshalb der Verhandlerkreis klein blieb.

Noch am ersten Tag der Verhandlungen zeigte sich, dass der Zankapfel Sopron (Ödenburg) sein würde. In den Verhandlungen bestand Schober – entgegen der vorab getroffenen Abmachung – auf einen Volksentscheid erst nach der Angliederung des Burgenlandes an Österreich. Ungarn wiederum wollte die Stadt ohne Volksabstimmung behalten.


BundesarchivIstván Bethlen

Auf beiden Seiten herrschte in dieser Hinsicht innenpolitisch großer Druck. Man einigte sich schließlich am 13. Oktober 1921 auf einen – für beide Seiten gesichtswahrenden – Kompromiss: Das Burgenland wurde an Österreich angegliedert, Sopron verblieb bei Ungarn, aber es sollte dann zu einer Volksabstimmung kommen – und das kam einen Verzicht Österreichs auf Ödenburg gleich.

Propaganda vor Volksabstimmungen
Mit der Unterzeichnung des Venediger Protokolls hatte Österreich de facto auf Sopron verzichtet, um eine konfliktfreie Übergabe des restlichen Burgenlandes nicht zu gefährden. Dennoch einigte man sich mit Ungarn aus innenpolitischen Gründen und im Sinne eines gesichtswahrenden Kompromisses darauf, dass Sopron durch eine Volksabstimmung bei Ungarn verbleiben sollten.

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Eigentlich waren es zwei Abstimmungen, da an zwei Terminen gewählt wurde: am 14. Dezember 1921 in Sopron und zwei Tage später in den umliegenden Ortschaften. Da die Gespräche in Venedig vertraulich geführt worden waren, wusste die Öffentlichkeit über die Umstände, unter denen der Plebiszit stattfinden sollte, kaum Bescheid. So gründete sich am 20. Oktober in Wien der „Ödenburger Heimatdienst“, der in Sopron ein pro-österreichisches Wahlergebnis zu erringen versuchte. Er schmuggelte Plakate und Flugzettel in die Stadt und in die umliegenden Dörfer. Auch hier zeigt sich, warum die Zustimmung zur Volksabstimmung für Österreich einem Verzicht gleichkam: Während das fragliche Gebiet ohne Einschränkungen und über einen langen Zeitraum der ungarischen Propaganda ausgesetzt war, konnte die österreichische Propaganda nur unter großem Risiko über die Grenze geschmuggelt und verbreitet werden. Erst nachdem der Rest des Burgenlandes am 3. Dezember an Österreich angeschlossen war, durfte Österreich in gleichem Maße Wahlwerbung betreiben wie Ungarn.

Damit sich eine verlässliche Mehrheit für Ungarn aussprach, lief nicht nur die ungarische Propagandamaschinerie auf Hochtouren. Auch die Abstimmungslisten, Wahlausweise und die Wahllisten wurden in diese Richtung manipuliert. So wurde auch im Namen bereits verstorbener Menschen pro-ungarisch gewählt. Auch wurden pro-österreichische Wähler von der Abstimmung ferngehalten.

Abstimmungsergebnisse in Sopron und Umgebung
Entsprechend eindeutig fiel auch das Resultat der Volksabstimmung in Sopron aus. Von den knapp mehr als 17.000 abgegeben Stimmen entfielen fast 73 Prozent auf einen Verbleib bei Ungarn. Es ist sehr wahrscheinlich, dass das Ergebnis auch ohne die massive Manipulation Ungarns gegen die Angliederung an Österreich ausgefallen wäre, wenn auch nicht in diesem Ausmaß. Im Soproner Umland, das man einerseits aufgrund der Wasserversorgung für Ungarn beansprucht hatte und anderseits aufgrund des wirtschaftlich nicht unbedeutenden Kohleabbaus in Brennberg, fielen die Ergebnisse zwar von Ort zu Ort sehr unterschiedlich und zusammengenommen mit 54,5 Prozent sogar pro-österreichisch aus – von den acht Ortschaften wählten nur drei pro-ungarisch, Harkau wählte sogar mit 90 Prozent für Österreich – aber zusammen mit dem Ergebnis der Stadt sprachen sich letztlich doch fast zwei Drittel der Wahlberechtigten für Ungarn aus.


Iz knjige Gerald Schlag:
Aus Trümmern geboren… / Šopronski županijski arhiv
Obwohl Österreich, unterstützt durch die Tschechoslowakei offiziell auf die massive Manipulation hinwies und gegen die Wahl protestierte, sich gar für eine Wiederholung einsetzte, bestätigte die Botschafterkonferenz in Paris das Ergebnis, da auch eine Wiederholung der Wahl wahrscheinlich keine Änderung gebracht hatte und man es auch leid war, sich mit diesem Thema weiter zu beschäftigen. Dies, und die Ratifikation des Venediger Protokolls durch den österreichischen Nationalrat führte dazu, dass die Interalliierte Generalskommission die Stadt am 1. Jänner 1922 offiziell an Ungarn übergab.

Grenzziehung: Halbturn bei Ungarn?
Die Festlegung des endgültigen Grenzverlaufs des Burgenlandes oblag der interalliierten Grenzbestimmungskommission, die sich am 27. Juli 1921 aus Vertreten verschiedener Nationen konstituiert hatte. Die Vorstellungen Österreichs und Ungarns, wie die Grenze letztlich verlaufen sollte, waren höchst unterschiedlich. Der österreichische Vorschlag des Grenzverlaufs orientierte sich größtenteils an jener Linie, die in Paris bei den Friedensverhandlungen grob festgelegt worden war. Ungarn hingegen versuchte den Grenzverlauf tief in den Westen des heutigen Burgenlandes verlegen – die Grenzlinien im Nordburgenland wären so verlaufen, dass die Orte Halbturn und Wallern ungarisch geblieben wären. Im mittleren Burgenland wäre die Grenze überhaupt westlich der Orte Deutschkreutz, Oberpullendorf und Lockenhaus verlaufen. Die deutlichste Abweichung gab es im Südburgenland, wo sogar Oberwart bei Ungarn hätte bleiben sollen. Gemäß diesem Plan wäre das Burgenland schätzungsweise um ein Drittel schmaler ausgefallen, als es heute ist. Letztlich konnte Ungarn diese Forderungen nicht durchsetzen und man orientierte sich im Wesentlichen an den Grenzen der Friedensverträge von Paris. Als dies geklärt war, konnte sich die Kommission mit Detailfragen der Grenzziehung in den einzelnen Orten beschäftigen.

Kommission befragt Bevölkerung
Für Detailfragen reiste die Grenzbestimmungskommission durch die Ortschaften, befragte die Bevölkerung und versuchte sich so ein objektives Bild von der allgemeinen Stimmung im Ort zu machen. Im Nord- und Mittelburgenland waren die Ortsbewohner meist für die Angliederung an Österreich, etwas schwieriger gestaltete sich die Arbeit für die Kommission im südlichen Pinkatal, da hier keine eindeutige Präferenz erkennbar war.
Nachdem die Grenzen Ende 1922 weitestgehend gezogen worden waren, gab es vereinzelt immer noch Proteste, sodass Orte getauscht wurden. So kamen die Ortschaften Rattersdorf und Liebing, die eigentlich aufgrund des dort befindlichen Esterhazy‘schen Grundbesitzes Ungarn zugesprochen wurden, noch zu Österreich im Tausch für die Orte Prostrum und Bleigraben. Am 10. Jänner 1923 wurde schließlich mit Luising im Südburgenland der letzte Ort Österreich zugesprochen und damit die Grenzziehung offiziell abgeschlossen. Nun war das Burgenland in seinen festen Grenzen Teil Österreichs geworden.

„100 Jahre Burgenland“ im ORF Burgenland
Auch die Volksgruppenredaktion des ORF Burgenland widmet sich ein Jahr lang dem Jubiläum „100 Jahre Burgenland“. In 50 Hörfunk-Beiträgen, die jeden Montag um 18.15 Uhr in kroatischer Sprache auf Radio Burgenland zu hören sein werden, erzählt Schreiber die Geschichte des Burgenlandes beginnend mit den ersten Eingliederungsideen und dem Nikitscher Aufstand bis hin zur Rolle der Esterhazys – mehr dazu in Ideja priključenja i Fileška buna.

In Anlehnung an die wöchentliche Serie in der Volksgruppen-Kultursendung, startet am Donnerstag in „Radio Burgenland Extra“ eine 13-teilige Radio-Gesprächsreihe mit Historiker Michael Schreiber in deutscher Sprache. Unter dem Titel „100 Jahre Burgenland – Geschichte im Gespräch“ führt Kulturredakteurin Bettina Treiber Interviews mit dem 32-jährigen Historiker aus Nikitsch zur Geschichte des Burgenlandes. Die 13-teilige Gesprächsreihe wird jeden letzten Donnerstag im Monat um 20:04 Uhr in Radio Burgenland Extra ausgestrahlt. Mehr dazu in „100 Jahre Burgenland“ im ORF Burgenland.

27.02.2021, Bettina Treiber, burgenland.ORF.at

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