Am Anfang steht immer eine Frage. Wer war mein Urgroßvater? Oder: Woher komme ich?

josef

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Uropa, wer warst du? Wie man mit Ahnenforschung beginnt
Statt für Recherchen hunderte Kilometer im Jahr zu Archiven zu fahren, nutzen Genealogen heute das Internet und digitale Bestände – aber nicht nur. Zwei Experten erzählen vom Glück und vom Wert des Heimatmuseums

Es gibt Momente, da lehnt sich der Genealoge Felix Gundacker zurück und denkt sich: "Was war das für eine beschissene Zeit."
Felix Gundacker

Am Anfang steht immer eine Frage. Wer war mein Urgroßvater? Oder: Woher komme ich? Seit 35 Jahren findet der Berufsgenealoge Gundacker auf genau solche Fragen Antworten: Er betreibt Ahnen- und Familienforschung. Gundacker ist fasziniert von dem Leben vor hunderten von Jahren und davon, es der Gegenwart zugänglich zu machen. Trotzdem gibt es Momente, in den er sich zurücklehnt und denkt: "Was war das für eine beschissene Zeit."

Zum Beispiel: 1683 verschleppen Tataren eine Bauernfrau aus dem Waldviertel. Ihr Gatte will sich wiederverheiraten. Die Bedingung des Bischofs: ihr Todesnachweis. Den bekommt der Mann auch, er heiratet erneut und wird Vater. "Der Treppenwitz der Geschichte": Ein Jahr darauf klopft seine erste Frau an die Tür, lebendig. Der Bischof annulliert die zweite Ehe, die Frau daraus wird verbannt, ihr das Kind entrissen. – Was war das für eine beschissene Zeit.

Genealogie und Glück gehen Hand in Hand. Kein Archiv ist komplett, für jeden Treffer wartet auf der nächsten Seite eine Lücke. Aber gerade deshalb erlebt Gundacker auch nach 35 Jahren jedes Mal aufs Neue den Erfolgsmoment, den Urgroßvater eines Kunden zu finden, "zu beleben".

Internationale Woche der Archive
Diese Woche ist die internationale Archivwoche, noch bis 13. Juni findet sie statt. Motto: #ArchivesAreAccessible. Österreichweit öffnen Archive ihre Türen und präsentieren ihre Bestände. Darunter sind für die Ahnenforschung relevante Dokumente wie Meldezettel, Pfarrmatriken oder Toten- und Konskriptionsbescheide aus den vergangenen Jahrhunderten.


Geschützt vor Wärme, Feuchtigkeit und direkter Sonneneinstrahlung liegen die Bestände der Archive teilweise tief unter der Erde.
Felix Mährenbach

Vor der Digitalisierung war für Genealogen noch eine andere Zeit. Keine "beschissene", aber eine vollkommen andere. Gundacker wirkt nostalgisch, wenn er davon erzählt, wie er früher tausende Kilometer im Jahr durchs Land zu Kirchen und Archiven fuhr. Er musste diplomatisches Geschick und Hartnäckigkeit beweisen, um Einsicht zu erhalten. Heute hingegen liegen Unmengen an Daten im Internet, größtenteils frei zugänglich. Teils dank der freiwilligen Arbeit von Forschern wie Gundacker mit seiner Plattform GenTeam, teils dank der Fortschritte in der Digitalisierung der Archive Österreichs selbst.

Viele Geschichten, wenig Geschichte
Gundacker leistet Auftragsarbeit, zu den genauen Kosten will er sich nicht äußern, pauschal wäre das nicht möglich. Ein klares Profil seiner Kunden gibt es auch nicht. Quer durch die Bank, unabhängig von Alter oder Geschlecht, sagt er. Nur Kunden auf der Suche nach "blauem Blut" lehnt er manchmal ab.

Die meisten haben ein ungefähres Bild der letzten zwei bis drei Generationen vor ihnen. Erzählungen der Eltern oder Großeltern. Danach wird es schwammig. "Es gibt viele Geschichten, aber wenig Geschichte." Die Forschung, die tatsächliche Geschichte, bricht oft genug mit den wahr geglaubten Geschichten. Gundacker ist davon überzeugt, dass jeder Ahnenforschung betreiben kann. Dank der großen Fortschritte der vergangenen Jahre ist dies teilweise sogar von zu Hause aus möglich.

Das Einmaleins der Ahnenforschung
Bevor man sich den Toten zuwendet, sind die erste Quelle immer die Lebenden. Gibt es noch eine Tante auf dem Land, entfernte Verwandte – "sekkieren Sie Ihre Familie". Irgendjemand weiß oder hat immer noch etwas. Taufscheine, Meldezettel, Kaufverträge oder Parten. "Der wichtigste Tag im Leben ist der Tod", soll Otto von Habsburg einmal gesagt haben. Idealerweise findet man am Totenschein drei Informationen: einen Namen, einen Ort und ein Datum. Die perfekte Voraussetzung für die Ahnenforschung.

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Eine Todesbescheinigung aus dem vergangenen Jahrhundert mit allen relevanten Informationen für die Ahnenforschung: Name, Ort und Datum.
Felix Mährenbach

Von der Familie geht es in die Onlinerecherche. Der Erfolg variiert stark von Sterbedatum und -ort. Alle Landesarchive der Bundesländer haben laut Gundacker in der Digitalisierung enorme Fortschritte gemacht. Doch den einen Weg gibt es nicht, hier beginnt die eigentliche Arbeit.

Wiener Stadt- und Landesarchiv
Das weiß auch Hannes Tauber vom Wiener Stadt- und Landesarchiv. Über sechs Stockwerke erstreckt sich im Gasometer das Hauptarchiv der Magistratsabteilung 8. Neben Fitnessstudio und Musikshop liegen 60 Laufkilometer Geschichte und Erbe Wiens – und die erste Anlaufstelle für die Suche nach Vorfahren aus Wien.

Auch die MA8 leistet Auftragsarbeit. Kostspielige Auftragsarbeit. Tauber aber bevorzugt, wenn Interessierte selbst recherchieren. Kein Archiv habe das Personal, einem die Recherche abzunehmen. Sehr wohl aber, die passenden Akten auszuheben. Gratis, wohlgemerkt. Name, Ort und Datum sind erneut der Schlüssel.

Die größte Hürde sieht Tauber in Schrift und Sprache. Ein Beamter im 19. Jahrhundert schrieb nicht für interessierte Verwandte, geschweige denn, um 200 Jahre später verstanden zu werden. Jedes Dokument trägt seine eigene, kleine Geschichte: wechselnd schönere und hässlichere Handschriften – "ungefähr der von Allgemeinmedizinern heute entsprechend" –, teilweise in Kurrent, der geschwungenen Schreibschrift bis ins 20. Jahrhundert.


Eine der größten Hürden in der Ahnenforschung sind Schrift und Sprache, wie an diesem Totenprotokoll aus dem Jahr 1904 ersichtlich.
Felix Mährenbach

Knochen und Fleisch
Den Namen einer Urgroßmutter im Archiv gefunden, darf man einen Moment innehalten und stolz auf sich sein. Doch das seien erst Knochen und noch kein Fleisch, sagt Genealoge Gundacker. Ein Name und eine Anschrift erzählen wenig über eine Person. Ein Totenbeschauprotokoll mit Todesursache hingegen schon mehr. Oder folgend eine Verlassenschaftsabhandlung. Was hat mein Großvater geerbt? Nichts? Kleidung? Oder doch einen Rembrandt?

Das Fleisch einer Person sind ihre Lebensumstände, ihr Beruf, ihr Besitz, ihre Verwandten, ihre Todesursache. Wie könnten die Urgroßeltern gelebt haben? Wie gegessen? Wie geschlafen? Gundacker empfiehlt, ins Heimatmuseum zu gehen und "sich hineinzufühlen". Das Fleisch macht den Menschen aus, nicht seine Knochen.
(Felix Mährenbach, 12.6.2025)
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#2
Ahnenforschung
Auf den Spuren der eigenen Wurzeln
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Wer waren unsere Vorfahren, und was haben sie uns heute noch zu erzählen? Mit Fragen wie diesen beschäftigt sich Dominik Bernhardt: Der junge Ahnenforscher zeigt, wie spannend der Blick in die Vergangenheit sein kann, und welche Geschichten dabei ans Licht kommen können.
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Woher kommen wir? Wer waren die Menschen, deren Namen wir tragen? Und welche Geschichten stecken zwischen diesen Zeilen?

„Jede Familiengeschichte ist anders“
Auf die Antworten nach diesen Fragen such Dominik Bernhardt in alten Büchern, Dokumenten, Fotos: „Die Faszination ist auf jeden Fall, jede Familiengeschichte ist anders. Man trifft immer wieder auf Neuigkeiten, und man will natürlich ein volles Bild erschaffen, oder die fehlenden Informationen versucht man möglichst aufzudecken. Es ist eine sehr spannende und doch auch sehr erfüllende Arbeit.“

ORF
Die Leidenschaft für Ahnenforschung begann mit einer persönlichen Spurensuche nach dem Tod seines Großvaters. Diese sollte ihn in seinem eigenen Stammbaum über 30 Generationen bis ins 11. Jahrhundert zurückführen – mit überraschenden Entdeckungen: „Das sind ein paar sehr interessante Geschichten: Beispielsweise im Jahr 1050 oder so hat einer meiner Vorfahren das erste Frauenkloster in Südtirol gegründet. Und der lustige Teil an dieser Geschichte ist: 400 Jahre später hat ein anderer meiner Vorfahren dieses Frauenkloster bekämpft.“

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Alles beginnt bei den eigenen Eltern
400 Seiten umfasst sein eigener Stammbaum mittlerweile – 260 einzelne Stammbäume und 1.387 Personen. Heute hilft Dominik Bernhardt auch anderen Familien, ihre eigene Geschichte zu erforschen: „Das Wichtigste ist einmal, dass man eine Geburtsurkunde von den Eltern hat, vielleicht von den Großeltern, weil aus den österreichischen Datenschutzrichtlinien braucht man mindestens 100 Jahre, sonst kann man es online nicht einsehen. Und von dort aus sucht man quasi die Geburt, dort stehen die Eltern dabei, dann sucht man die Hochzeit der Eltern, dort steht das Alter bei der Hochzeit dabei, dann findet man deren Geburten und immer so weiter.“

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Daneben hilft ihm auch die Kirche weiter: „Die wichtigsten Quellen sind natürlich die Kirchenbücher, die Kirchenaufzeichnungen. Die katholische Kirche hat sehr viele Aufzeichnungen von ungefähr 1600 angefangen, und die hat das auch sehr konsequent und sehr genau aufgezeichnet.“

„Familie bleibt Familie“
Tausende Namen, Daten, Orte – heute alles digitalisiert. Manchmal jedoch zieht es den Ahnenforscher dann auch einmal weg vom Bildschirm, hinaus zu den Häusern, Straßen und Menschen, und kommt er dann der Vergangenheit näher, kann die manchmal auch Ungeahntes zum Vorschein bringen: „Manche Geschichten haben einen leicht bitteren Beigeschmack, wo vielleicht ein paar nicht so tolle Ereignisse vorgefallen sind. Aber letztendlich, die Familie bleibt die Familie.“
08.02.2016, red, steiermark.ORF.at
Auf den Spuren der eigenen Wurzeln
 
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