Es gab sie einmal - die Saurier...

josef

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#41
TUEBINGOSAURUS MAIERFRITZORUM
Bislang unbekannte "deutsche" Dinosaurier-Art entdeckt
Vor 100 Jahren ausgegrabene Knochen erwiesen sich bei neuerlicher Untersuchung als neue Art, deren sehr deutsche Benamsung einer Festschrift geschuldet ist

So etwa könnte die neu identifizierte Saurierart "in echt" ausgesehen haben – und zu Tode gekommen sein: nämlich in einem Sumpf.
Marcus Burkhardt

Die Schwäbische Alb, ein Mittelgebirge im Südwesten Deutschlands an der Grenze zur Schweiz, ist so etwas wie ein Eldorado für Paläontologinnen und Paläoanthropologen. Dort wurden unter anderem das älteste Musikinstrument der Welt (eine über 30.000 Jahre alte Knochenflöte) und auch eine der ältesten figürlichen Darstellungen eines Menschen (die Venus vom Hohlefels, ebenfalls mehr als 30.000 Jahre alt) gefunden.


Doch die Schwäbische Alb war nicht nur bei den frühen Modernen Menschen in Europa beliebt, sondern auch schon viele Millionen Jahre davor bei Dinosauriern. Nun wurde sogar eine neue Art entdeckt, deren Überreste freilich schon vor genau 100 Jahren ausgegraben und seit vielen Jahren in der paläontologischen Sammlung in Tübingen aufbewahrt worden waren. Der wissenschaftliche Name der neuen Art, die auch eine neue Gattung bildet, macht kein Geheimnis daraus, dass sie aus Deutschland stammt: Tuebingosaurus maierfritzorum.


Darstellung der gefundenen Knochen mit einem Schattenriss von Tuebingosaurus maierfritzorum sowie im Vergleich zu Fritz Maier (?)
Illustration: Omar Rafael Regalado Fernandez und Ingmar Werneburg

Gut versteckt in einer Sammlung
Wie aber kam es zu dieser Entdeckung? In einem großangelegten Projekt untersuchten die Paläontologen Omar Rafael Regalado Fernandez und Ingmar Werneburg sämtliche in Tübingen gelagerten Dinosaurierknochen neu. Sie stammen zu einem Großteil aus einem Steinbruch bei Trossingen am Rande der Schwäbischen Alb, wo seit dem 19. Jahrhundert zahlreiche Knochen von Dinosauriern gefunden und oft als Plateosaurier klassifiziert wurden.

Nach wie vor unstrittig ist, dass diese Dinosauriergruppe vor etwa 200 Millionen Jahren in Teilen Europas sehr häufig vorkam. Heutigen Fachleuten ist allerdings auch bewusst, dass es bei der taxonomischen Einordnung in der Vergangenheit oft zu Ungenauigkeiten kam, weshalb manche Funde vorschnell in die Gattung der Plateosaurier aufgenommen wurden.

Kein typischer Plateosaurier
Bei der erneuten Analyse eines 1922 in Trossingen gefundenen Skeletts, von dem vor allem der hintere Teil des Körpers erhalten ist, stellten Regalado Fernandez und Werneburg fest, dass viele Knochen nicht denen eines typischen Plateosauriers entsprachen. So wies das Teilskelett unter anderem eine breitere und kräftiger gebaute Hüfte mit verschmolzenen Kreuzbeinwirbeln sowie ungewöhnlich große und robuste Langknochen auf – beides spricht für eine Fortbewegung auf vier Beinen.


Die beiden Entdecker mit einem Oberschenkelknochen von Tuebingosaurus maierfritzorum.
Foto: Valentin Marquardt / Uni Tübingen

Dies steht im Gegensatz zu den Plateosauriern, die den langhalsigen Sauropoden aus dem Jura zwar auch ähnelten, sich aber vermutlich noch auf zwei Beinen fortbewegten. Nach einem eingehenden Vergleich aller anatomischen Merkmale ordneten die Wissenschafter das aus Trossingen stammende Teilskelett neu im Dinosaurierstammbaum ein und stellten fest, dass sie eine bislang unbekannte Art und Gattung entdeckt hatten – eben: Tuebingosaurus maierfritzorum.

Der lebte vor etwa 203 bis 211 Millionen Jahren, war ein Pflanzenfresser und mit großer Wahrscheinlichkeit schon ein Vierbeiner. Aus diesen Gründen war er viel enger mit den später erscheinenden, großen Sauropoden wie beispielsweise Brachiosaurus oder Diplodocus verwandt als mit den Plateosauriern. Das umgebende Sedimentgestein und die Erhaltung der Knochen sprechen dafür, dass der gefundene Tuebingosaurus in einem sumpfigen Gebiet versank und zu Tode kam. Die Knochen der linken Körperseite waren vermutlich einige Jahre lang an der Oberfläche der Witterung ausgesetzt.

Die beiden Entdecker erklären ihren Fund.Eberhard Karls Universität Tübingen

Der wissenschaftliche Name
"Sein Gattungsname, Tuebingosaurus, ist eine Hommage an unsere schöne Universitätsstadt und ihre Bewohner", sagt Werneburg. Mit dem dazugehörigen Artnamen maierfritzorum ehre man wiederum die beiden deutschen Zoologen Professor Wolfgang Maier aus Tübingen sowie Professor Uwe Fritz von den Senckenberg Naturhistorischen Sammlungen Dresden. Die neue Art wurde in der aktuellen Ausgabe der Zeitschrift "Vertebrate Zoology" der Senckenberg-Gesellschaft für Naturforschung beschrieben, die gleichzeitig als Festschrift Wolfgang Maier zum 80. Geburtstag gewidmet ist.

Insgesamt konnten die Forschenden in ihrem Projekt zeigen, dass die frühen europäischen Dinosaurier sehr viel diverser waren als bisher angenommen. Die Einzelteile des Skeletts von Tuebingosaurus maierfritzorum, die bislang getrennt gelagert wurden, sind nun wieder zusammengeführt und können derzeit in zwei großen Vitrinen in der Paläontologischen Sammlung in Tübingen besichtigt werden.
(red, tasch, 8.9.2022)

Originalpublikation:
Vertebrate Zoology: "A new massopodan sauropodomorph from Trossingen Formation (Germany) hidden as ‘Plateosaurus’ for 100 years in the historical Tübingen collection"

Bislang unbekannte "deutsche" Dinosaurier-Art entdeckt
 

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#42
BLICK IN DEN DINOSCHÄDEL
Europasaurus war ein Inselzwerg und Nestflüchter
Tomografische Untersuchung verrät einiges über Hörvermögen und Sozialleben einer kleinen europäischen Sauropodenart

Niedersachsen vor 154 Millionen Jahren: Einige erwachsene Tiere wachen über die Europasaurus-Schlüpflinge, die ihr Nest wahrscheinlich bald verlassen können, um der Herde zu folgen.
Illustration: Davide Bonadonna
Sein Verwandter Brachiosaurus ist deutlich prominenter, was wahrscheinlich vor allem dessen gewaltigen Dimensionen geschuldet ist. Der langhalsige, pflanzenfressende "Nordamerikaner" auf vier Beinen erreichte eine Höhe von rund 15 Metern. Daneben nimmt sich Europasaurus holgeri aus Niedersachsen mit einer Kopfhöhe von etwa drei Metern eher bescheiden aus. Die Spezies lebte vor 154 Millionen Jahren auf einer Insel in Norddeutschland und ist bisher nur aus einer einzigen Fundstelle im Kalksteinbruch Langenbach nahe Goslar bekannt.

Seine geringe Größe macht ihn aber auch zu etwas Besonderem, denn Europasaurus gilt als erster fossiler Dinosaurier, bei dem das evolutionsbiologische Phänomen der Inselverzwergung nachgewiesen wurde: Tiere, die auf einer kleineren Insel ohne Fressfeinde leben, nehmen in ihrer Körpergröße teilweise stark ab. Somit stellt Europasaurus möglicherweise das ausgestorbene Gegenstück zu heutigen Inseltieren wie dem Sumatra-Tiger oder Sumatra-Nashorn dar, welche im Vergleich zu ihren nächsten Verwandten auf dem Festland relativ klein sind.

Junge und Erwachsene
Nun haben Forscherinnen und Forscher der Universitäten Wien und Greifswald die Schädelreste von einigen Europasaurus-Exemplaren mit hochauflösenden Computertomographen genauer analysiert. Der kleine Sauropode ist ein idealer Kandidat für Schädeluntersuchungen bei Sauropoden, denn von kaum einer anderen Art dieser Dinosauriergruppe ist mehr Schädelmaterial aus verschiedenen Altersstadien bekannt. Die im Fachjournal "eLife" veröffentlichten Ergebnisse verraten nicht nur einiges über ihr Hörvermögen, sondern lieferten auch Hinweise auf das Sozialleben der Langhälse.

Unter den untersuchten Individuen befanden sich sehr junge und kleine ebenso wie ausgewachsene Tiere. Um mehr über die Lebensweise von Europasaurus in Erfahrung zu bringen, rekonstruierten die Forschenden erstmals die Hohlräume, die einst das Gehirn und die Innenohren dieser Wesen beherbergten.

Nestflucht vor den riesigen Artgenossen
Der Teil des Innenohres, der für das Hören verantwortlich ist, die Lagena oder Cochlea, ist bei Europasaurus relativ lang. Diese Tatsache legt nahe, dass die Tiere gut hören konnten und in ihrer Herde wahrscheinlich eine innerartliche Kommunikation stattfand. Ein anderer Teil des Innenohres, der das Gleichgewichtsorgan beherbergt, zeigte bei sehr jungen Europasauriern in Form und Umfang große Ähnlichkeiten zu jenen von ausgewachsener Tieren. "Das zeigt, dass bereits sehr junge Individuen von Europasaurus stark auf ihren Gleichgewichtssinn angewiesen waren", erklärte Sebastian Stumpf von der Universität Wien.

Einige der untersuchten Schädelreste sind dabei so winzig, dass sie vielleicht von Schlüpflingen stammen. Das würde bedeuten, dass es sich bei Europasaurus um einen Nestflüchter gehandelt hat, was auch durchaus sinnvoll gewesen wäre: Während andere Sauropoden viele Tonnen schwerer waren als ihr frisch geschlüpfter Nachwuchs und damit eine lebensgefährliche Bedrohung darstellten, könnten die Europasaurus-Schlüpflinge also direkt in der Nähe der Gruppe mitgewandert sein.
(red, 21.12.2022)

Studie
eLife: "Neurovascular anatomy of dwarfed dinosaur implies precociality in sauropod"

Europasaurus war ein Inselzwerg und Nestflüchter
 

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#43
WIE VÖGEL UND KROKODILE
Titanosaurier-Weibchen bildeten zum Eierlegen wahrscheinlich Gruppen
Über 90 Nester mit hunderten Eiern der riesigen Sauropoden wurden nun in Indien entdeckt. Sie zeigen Parallelen zum Brutverhalten aktuell lebender Tiere
Es muss ein beeindruckender Anblick gewesen sein: Mehr als ein Dutzend Titanosaurier traf sich an einem Ort zum gemeinsamen Eierlegen. Diese Dinosaurier gehörten zu den größten Lebewesen, die je auf vier Beinen über das Angesicht der Erde wandelten, doch in ihrem Brutverhalten ähnelten sie Vögeln, wie Forschende nun herausfanden.


Über 250 fossile Eier von Titanosauriern wurden nun in Indien entdeckt und dokumentiert. Links oben ein fast vollständig intaktes Ei, rechts ein Abdruck einer Eierschale, die aufgrund des Fehlens von Splittern im Inneren auf ein Ei nach dem Schlüpfen hindeuten könnte.
Foto: Dhiman et al., 2023, PLOS ONE, CC-BY 4.0 (Creative Commons — Attribution 4.0 International — CC BY 4.0)

Der Riesenwuchs von Titanosauriern ist legendär. Bereits 1828 wurden vom in Indien stationierten britischen Kriminalbeamten William Henry Sleeman erste fossile Knochen gefunden. 1877 wurde die Gattung erstmals beschrieben, doch die Einordnung war umstritten. Heute weiß man, dass die Titanosaurier mit den bekannteren und im Hollywoodfilm "Jurassic Park" zu Weltruhm gelangten Brachiosauriern verwandt sind. Schon die Brachiosaurier erreichten ein Gewicht von etwa 30 Tonnen, die Titanosaurier waren sogar noch größer. Es scheint, als hätten sich die Dinosaurier kurz vor ihrem Aussterben am Ende der Kreidezeit noch einmal zu ungekannter Mächtigkeit aufgebäumt.

92 Nester
Nun gelang ein Sensationsfund, der mehr über die Fortpflanzungspraktiken der Riesentiere verrät. Wie ein Forschungsteam um Harsha Dhiman von der Universität Delhi nun im Fachjournal "Plos One" berichtet, wurden in der Lameta-Formation im Narmada-Tal in Zentralindien 92 Nester mit Dinosauriereiern gefunden, die sich Titanosauriern zuordnen ließen.

Überraschend waren die vielen unterschiedlichen Typen von Eiern. Sechs sogenannte Oospezies konnten unterschieden werden. Damit sind Tierarten gemeint, die nur anhand ihrer Eier beschrieben werden. (Dazu später noch mehr.) Das ist insofern bedeutend, als sich diese Vielfalt nicht in den Skelettfunden der Gegend widerspiegelt, die eigentlich mit besonders vielen Titanosaurierfunden aufwartet.


Ein lebensgroßes Modell eines Titanosaurus in Bolivien, nahe einem Fundort von Dinosaurierfußspuren.
Foto: REUTERS/David Mercado

Laut dem Team zeigt der Fund, dass die Tiere ihre Eier vergruben wie zeitgenössische Krokodile. Außerdem wurde ein besonders seltenes Phänomen dokumentiert, das sich manchmal bei Hühnereiern beobachten lässt. Dabei ist in einem übergroßen Ei ein zweites, vollständiges Ei enthalten. Für die Forschung ist das ein Glücksfall, denn es deutet laut dem Team darauf hin, dass die Physiologie von Titanosauriern jenen von Vögeln ähnelte und dass sie vermutlich wie moderne Vögel ihre Eier nacheinander legten.

Wer sich Dinausaurierweibchen vorstellt, die wie Vögel ihre Eier ausbrüten, ist allerdings auf dem Holzweg, denn neben den Parallelen gibt es auch einige Unterschiede. So liegen die Nester etwa überraschend nahe beieinander – zu nah, um den riesigen Tieren Zugang zu den in der Mitte liegenden Gelegen zu ermöglichen. Verblüffenderweise beschädigten die Tiere die Nester trotz der räumlichen Enge nicht. Vermutlich vergruben die Saurier also ihre Eier und verließen dann das fertige Nest, um Platz für nachkommende Weibchen zu machen. Dass die Titanosaurier tatsächlich gleichzeitig zusammenkamen um ihre Eier abzulegen, ist nicht zweifelsfrei bewiesen. Laut der Studie gibt es aber Hinweise darauf. Heutzutage findet man viele nahe beieinanderliegende Nester vor allem bei Schildkröten oder bestimmten Vögeln, die koloniales Brutverhalten zeigen.

Titanosaurier gehören zu den Sauropoden, von denen immer wieder riesige Skelettreste entdeckt werden, wie etwa 2019 nahe Bordeaux.
FRANCE 24 English

Zweifelhafte Artenzugehörigkeit
Die Beschreibung von Gattungen bei Dinosauriern wie dem Titanosaurus ist keine einfache Angelegenheit. Aufgrund weniger Funde ist die Zuordnung nicht eindeutig möglich. Der Titanosaurus gilt als "Nomen dubium", was sich mit "zweifelhafter Name" übersetzen lässt. Wie schwierig die Lage ist, zeigt auch die Unterscheidung von Arten nur aufgrund von Eiformen. Aus der Zeit der Dinosaurier ist kein intaktes Genmaterial erhalten, das eine genauere biologische Zuordnung von Funden erlauben würde.

Das Gebiet, in dem die Funde gemacht wurden, gehört jedenfalls zu den reichsten Fundstätten für Titanosaurier-Fossilien. Es erstreckt sich über fast tausend Kilometer von der Stadt Jabalpur im Osten bis hin zu Balasinor weiter im Westen.

"Unsere Forschung belegt die Existenz einer ausgedehnten Brutstätte für Titanosaurier-Sauropoden und bietet neue Einblicke in die Brutpflege und die Fortpflanzungsstrategien der Titanosaurier-Sauropoden kurz vor ihrem Aussterben", zeigt sich Erstautorin Dhiman erfreut.
(Reinhard Kleindl, 19.1.2023)

Studie
Plos One: "New Late Cretaceous titanosaur sauropod dinosaur egg clutches from lower Narmada valley, India"
Titanosaurier-Weibchen bildeten zum Eierlegen wahrscheinlich Gruppen
 
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