Russland setzt jetzt auf Stachelschwein-Panzer
Drohnenkäfige werden nun mit Metallstacheln verstärkt. Der erste Einsatz verlief nicht besonders erfolgreich, dennoch scheint sich die neue Panzerung durchzusetzen
Dieses Fahrzeug wurde mit Stachelpanzerung auf dem Drohnenkäfig ausgestattet.
Screenshot Telegram
Zuerst gab es "Cope-Cages": Metallgitter um Fahrzeuge herum. Die sollten Drohnen nach Möglichkeit abhalten, was nicht zuverlässig funktionierte. Danach folgten Schildkrötenpanzer mit riesigen Aufbauten aus Metallplatten. Diese hatten zur Folge, dass ukrainische Drohnen zumindest zuerst ein Loch in den dünnen Blechaufbau sprengen mussten, um mit einer zweiten Drohne den Panzer selbst zu treffen. Auf dem Schlachtfeld taucht jetzt die nächste Evolutionsstufe auf: Die russischen Streitkräfte greifen mit Panzerfahrzeugen mit darauf montierten Metallstacheln an. Die Geburtsstunde des Stachelschwein-Panzers.
"Mad Max"-Modifikation
Seit einigen Tagen kursieren Bilder derartiger Fahrzeuge mit auf den ersten Blick bizarr wirkenden Modifikationen. Zuerst wurde die Stachelschwein-Panzerung auf einem russischen BREM-Pionierfahrzeug gesehen. Dieses basiert auf dem Fahrgestell eines T-72-Panzers. Dieses Fahrzeug trägt offenbar hunderte von Bewehrungseisen, wie sie normalerweise zur Verstärkung von Beton herangezogen werden. Diese Stacheln ragen aus einem Anti-Drohnen-Käfig hervor, der wiederum am eigentlichen Fahrzeugrumpf befestigt ist.
Beide Seiten in Russlands 40 Monate andauerndem Krieg gegen die Ukraine nutzen BREMs, um liegengebliebene Fahrzeuge abzuschleppen. Die Abkürzung bedeutet übersetzt in etwa "Gepanzertes Reparatur und Bergungsfahrzeug". Neben einem Kran und einer Winde verfügen die Fahrzeuge meist über Räum- und Stützschilde, mit denen sie Erdarbeiten durchführen können. Deshalb sind BREMs beim Bau von Befestigungen unerlässlich. Gleichzeitig sind die Fahrzeuge dafür gemacht, feindliche Befestigungen aus dem Weg zu räumen. Allein schon aufgrund dieses Aufgabenspektrums sind die Fahrzeuge häufig sehr nahe der Kontaktlinie im Einsatz und damit ständigen Angriffen von Drohnen ausgesetzt.
Obsolete Panzer
Beim Stachelschweinmodell dürfte es sich um ein BREM auf Basis eines alten T-62 handeln. Dieser Panzer wurde in den 50er-Jahren entwickelt und ist heute hoffnungslos veraltet. Eigentlich war dieses Panzermodell spätestens mit 2012 außer Dienst gestellt. Nach nur drei Monaten im Angriffskrieg gegen die Ukraine waren die Panzerverluste aber so hoch, dass die russische Armeeführung auf die alten Sowjet-Modelle zurückgreifen musste.
Mindestens 279 T-62 wurden laut dem OSINT-Blog Oryx seitdem von den ukrainischen Streitkräften vernichtet, schwer beschädigt oder aufgegeben. Erbeutete T-62 wurden von der Ukraine in Truppentransporter umgebaut oder zu Bergefahrzeugen gemacht. Für die Ukraine ist die Bewaffnung der T-62 nutzlos: Sie verfügt nicht über die 115-Millimeter-Munition für diese Art von Fahrzeug.
Laut dem Journalisten David Axe ist es ungewöhnlich, dass diese Gefährte nun mit Stachelschwein-Panzerung auf ihren Cope-Cages (manchmal auch "Verzweiflungskäfige" genannt) ausgestattet werden. Einen Monat nachdem das erste russische Stachelschwein-Fahrzeug an der Front erschien, gibt es zunehmende Belege dafür, dass die kurios anmutende Panzerung auf russischer Seite zum Standard wird.
Das bedeutet, dass sie wohl auch bald von der Ukraine übernommen wird. Anti-Drohnen-Modifikationen wie Käfige sind auch auf Panzern der Ukraine mittlerweile Standard.
in BMP mit Stachelschwein-Panzerung.
Screenshot X / War Translated
Debüt gescheitert
Das erste bekannte russische Stachelschwein-Fahrzeug war ein BMP mit hunderten von Stacheln. Lange war das Fahrzeug aber nicht im Einsatz: Es wurde kurz nach der ersten Sichtung nahe der Stadt Trojizke in der Oblast Donezk vermutlich durch eine Mine bewegungsunfähig gemacht. Der BMP wurde von der berühmten ukrainischen Drohneneinheit "Birds of Magyar" anschließend gesprengt. Sie flogen eine explosive FPV direkt durch eine offene Luke des stehenden Fahrzeugs. Das Debüt schlug fehl, aber nicht wegen der ungewöhnlichen Panzerung. Axe warnt davor, die neueste russische Innovation als lächerlich abzutun: In Bewegung könnten die Stacheln durchaus in der Lage sein, Drohnen abzulenken.
Auch Bukhankas, die russischen Kleintransporter UAZ-452, wurden bereits mit Stacheln ausgestattet. Das "Brotlaib" genannte Fahrzeug ist aber ungepanzert. Selbst wenn eine FPV-Drohne in den Stacheln hängen bleibt und einen halben Meter von der Karosserie entfernt explodiert, dürfte das Fahrzeug zerstört werden.
@wartranslated
Auf russischer Seite ist man jedenfalls von der neuen Stachel-Panzerung überzeugt. Im russischen Fernsehen liefen bereits Berichte über Panzereinheiten, die alle ihre Fahrzeuge mit Armierungsstahl ausgestattet hatten.
Vier Verteidigungsschichten
Die Stacheln sind somit eine vierte Schicht der Verteidigung gegen Drohnen. Schicht Nummer eins ist die eigentliche Panzerung des Fahrzeugs. Diese ist bei den meisten Panzermodellen aber am Wannendach nicht besonders dick. Verwundbare Stellen sind außerdem entlang der Ketten und in der kleinen Lücke zwischen Turm und Rumpf.
Als zweite Schicht kommen dann Anti-Drohnen-Käfige dazu und darauf neuerdings Metallstacheln, die an die Käfige geschweißt werden. Laut einem Bericht von Euromaidan Press werden die Stacheln vor dem Einsatz nach außen gebogen. Fertig ist der Igel- oder Stachelschwein-Panzer.
Als vierte Schicht kommen Störsender zum Einsatz, die Drohnensignale unterbrechen sollen. Diese Technik scheint aber immer seltener wirklich zu funktionieren. Die Ukraine verfügt mittlerweile über Drohnen, die die letzten Meter des Angriffs selbstständig fliegen können. Auch drahtgelenkte Drohnen werden auf beiden Seiten häufig eingesetzt, diese sind gegen Jammer immun.
Laut dem der Ukraine nahestehenden Conflict Intelligence Team ist es aber möglich, dass die Metallstacheln die Wirksamkeit von diesen Störsendern negativ beeinflussen und deren Effektivität weiter sinkt.
Gefahr für die Besatzungen
Für die Besatzungen selbst mögen die Stacheln einen psychologischen Effekt haben. Praktisch stellen sie aber ein Risiko dar. Es ist bereits jetzt schon schwierig, einen Panzer mit Drohnenkäfigen und anderen Modifikationen zu verlassen, wenn er getroffen wird. Stacheln dürften den Notausstieg der Besatzung jedoch zusätzlich erschweren.
(Peter Zellinger 27.6.2025)
Russland setzt jetzt auf Stachelschwein-Panzer
Drohnenkäfige werden nun mit Metallstacheln verstärkt. Der erste Einsatz verlief nicht besonders erfolgreich, dennoch scheint sich die neue Panzerung durchzusetzen
Dieses Fahrzeug wurde mit Stachelpanzerung auf dem Drohnenkäfig ausgestattet.
Screenshot Telegram
Zuerst gab es "Cope-Cages": Metallgitter um Fahrzeuge herum. Die sollten Drohnen nach Möglichkeit abhalten, was nicht zuverlässig funktionierte. Danach folgten Schildkrötenpanzer mit riesigen Aufbauten aus Metallplatten. Diese hatten zur Folge, dass ukrainische Drohnen zumindest zuerst ein Loch in den dünnen Blechaufbau sprengen mussten, um mit einer zweiten Drohne den Panzer selbst zu treffen. Auf dem Schlachtfeld taucht jetzt die nächste Evolutionsstufe auf: Die russischen Streitkräfte greifen mit Panzerfahrzeugen mit darauf montierten Metallstacheln an. Die Geburtsstunde des Stachelschwein-Panzers.
"Mad Max"-Modifikation
Seit einigen Tagen kursieren Bilder derartiger Fahrzeuge mit auf den ersten Blick bizarr wirkenden Modifikationen. Zuerst wurde die Stachelschwein-Panzerung auf einem russischen BREM-Pionierfahrzeug gesehen. Dieses basiert auf dem Fahrgestell eines T-72-Panzers. Dieses Fahrzeug trägt offenbar hunderte von Bewehrungseisen, wie sie normalerweise zur Verstärkung von Beton herangezogen werden. Diese Stacheln ragen aus einem Anti-Drohnen-Käfig hervor, der wiederum am eigentlichen Fahrzeugrumpf befestigt ist.
Beide Seiten in Russlands 40 Monate andauerndem Krieg gegen die Ukraine nutzen BREMs, um liegengebliebene Fahrzeuge abzuschleppen. Die Abkürzung bedeutet übersetzt in etwa "Gepanzertes Reparatur und Bergungsfahrzeug". Neben einem Kran und einer Winde verfügen die Fahrzeuge meist über Räum- und Stützschilde, mit denen sie Erdarbeiten durchführen können. Deshalb sind BREMs beim Bau von Befestigungen unerlässlich. Gleichzeitig sind die Fahrzeuge dafür gemacht, feindliche Befestigungen aus dem Weg zu räumen. Allein schon aufgrund dieses Aufgabenspektrums sind die Fahrzeuge häufig sehr nahe der Kontaktlinie im Einsatz und damit ständigen Angriffen von Drohnen ausgesetzt.
Obsolete Panzer
Beim Stachelschweinmodell dürfte es sich um ein BREM auf Basis eines alten T-62 handeln. Dieser Panzer wurde in den 50er-Jahren entwickelt und ist heute hoffnungslos veraltet. Eigentlich war dieses Panzermodell spätestens mit 2012 außer Dienst gestellt. Nach nur drei Monaten im Angriffskrieg gegen die Ukraine waren die Panzerverluste aber so hoch, dass die russische Armeeführung auf die alten Sowjet-Modelle zurückgreifen musste.
Mindestens 279 T-62 wurden laut dem OSINT-Blog Oryx seitdem von den ukrainischen Streitkräften vernichtet, schwer beschädigt oder aufgegeben. Erbeutete T-62 wurden von der Ukraine in Truppentransporter umgebaut oder zu Bergefahrzeugen gemacht. Für die Ukraine ist die Bewaffnung der T-62 nutzlos: Sie verfügt nicht über die 115-Millimeter-Munition für diese Art von Fahrzeug.
Laut dem Journalisten David Axe ist es ungewöhnlich, dass diese Gefährte nun mit Stachelschwein-Panzerung auf ihren Cope-Cages (manchmal auch "Verzweiflungskäfige" genannt) ausgestattet werden. Einen Monat nachdem das erste russische Stachelschwein-Fahrzeug an der Front erschien, gibt es zunehmende Belege dafür, dass die kurios anmutende Panzerung auf russischer Seite zum Standard wird.
Das bedeutet, dass sie wohl auch bald von der Ukraine übernommen wird. Anti-Drohnen-Modifikationen wie Käfige sind auch auf Panzern der Ukraine mittlerweile Standard.
in BMP mit Stachelschwein-Panzerung.
Screenshot X / War Translated
Debüt gescheitert
Das erste bekannte russische Stachelschwein-Fahrzeug war ein BMP mit hunderten von Stacheln. Lange war das Fahrzeug aber nicht im Einsatz: Es wurde kurz nach der ersten Sichtung nahe der Stadt Trojizke in der Oblast Donezk vermutlich durch eine Mine bewegungsunfähig gemacht. Der BMP wurde von der berühmten ukrainischen Drohneneinheit "Birds of Magyar" anschließend gesprengt. Sie flogen eine explosive FPV direkt durch eine offene Luke des stehenden Fahrzeugs. Das Debüt schlug fehl, aber nicht wegen der ungewöhnlichen Panzerung. Axe warnt davor, die neueste russische Innovation als lächerlich abzutun: In Bewegung könnten die Stacheln durchaus in der Lage sein, Drohnen abzulenken.
Auch Bukhankas, die russischen Kleintransporter UAZ-452, wurden bereits mit Stacheln ausgestattet. Das "Brotlaib" genannte Fahrzeug ist aber ungepanzert. Selbst wenn eine FPV-Drohne in den Stacheln hängen bleibt und einen halben Meter von der Karosserie entfernt explodiert, dürfte das Fahrzeug zerstört werden.
@wartranslated
Auf russischer Seite ist man jedenfalls von der neuen Stachel-Panzerung überzeugt. Im russischen Fernsehen liefen bereits Berichte über Panzereinheiten, die alle ihre Fahrzeuge mit Armierungsstahl ausgestattet hatten.
Vier Verteidigungsschichten
Die Stacheln sind somit eine vierte Schicht der Verteidigung gegen Drohnen. Schicht Nummer eins ist die eigentliche Panzerung des Fahrzeugs. Diese ist bei den meisten Panzermodellen aber am Wannendach nicht besonders dick. Verwundbare Stellen sind außerdem entlang der Ketten und in der kleinen Lücke zwischen Turm und Rumpf.
Als zweite Schicht kommen dann Anti-Drohnen-Käfige dazu und darauf neuerdings Metallstacheln, die an die Käfige geschweißt werden. Laut einem Bericht von Euromaidan Press werden die Stacheln vor dem Einsatz nach außen gebogen. Fertig ist der Igel- oder Stachelschwein-Panzer.
Als vierte Schicht kommen Störsender zum Einsatz, die Drohnensignale unterbrechen sollen. Diese Technik scheint aber immer seltener wirklich zu funktionieren. Die Ukraine verfügt mittlerweile über Drohnen, die die letzten Meter des Angriffs selbstständig fliegen können. Auch drahtgelenkte Drohnen werden auf beiden Seiten häufig eingesetzt, diese sind gegen Jammer immun.
Laut dem der Ukraine nahestehenden Conflict Intelligence Team ist es aber möglich, dass die Metallstacheln die Wirksamkeit von diesen Störsendern negativ beeinflussen und deren Effektivität weiter sinkt.
Gefahr für die Besatzungen
Für die Besatzungen selbst mögen die Stacheln einen psychologischen Effekt haben. Praktisch stellen sie aber ein Risiko dar. Es ist bereits jetzt schon schwierig, einen Panzer mit Drohnenkäfigen und anderen Modifikationen zu verlassen, wenn er getroffen wird. Stacheln dürften den Notausstieg der Besatzung jedoch zusätzlich erschweren.
(Peter Zellinger 27.6.2025)







