Krieg in Europa: Angriff Russlands auf die Ukraine

josef

Administrator
Mitarbeiter
Militärtechnik
"Sarg mit Propellern": Russland testet Drohnenabwehr mit rotierenden Stahlseilen
Die jüngste Innovation erinnert an einen Rasentrimmer und kommt selbst bei den eigenen Militärbloggern nicht sonderlich gut an

Rotierende Stahlseile sollen ukrainische Drohnen aus der Luft holen.
Screenshot russische Staatsmedien via Andrii Tarsenko

Die neueste Innovation auf den Schlachtfeldern des Ukrainekrieges zeigt vor allem, wie schwierig der Schutz vor Drohnen ist – und wie verzweifelt die Suche nach Gegenmaßnahmen zu den ferngelenkten Granaten ist. Das jüngste Konzept der russischen Armee erinnert an gewaltige Propeller und wird bereits als Rasentrimmer-Schutz verspottet.

Ein Video, das zuerst von dem ukrainischen Panzerexperten Andrii Tarsenko auf Telegram geteilt wurde, zeigt, wie eine ferngesteuerte Bodendrohne mit einer improvisierten Blechhülle von den rotierenden Stahlkabeln geschützt werden soll. Die Idee: Die Propeller sollen anfliegende Drohnen abwehren, bevor sie in Kontakt mit dem Gefährt kommen.

Mit dem Rasentrimmer an die Front
Das System besteht im Kern aus einer Rahmenkonstruktion, die auf Bodenfahrzeuge – in den aktuellen Tests auf UGVs (Uncrewed Ground Vehicles) wie die russischen Modelle Courier und Depesha – montiert wird. An den Seiten sowie an der Front und dem Heck des Fahrzeugs sind Wellen angebracht, an denen dünne Stahlseile befestigt sind. Elektromotoren versetzen diese in eine schnelle Rotation.

Bericht des russischen Staatsfernsehens

Diese Kabel erzeugen eine physische Barriere für Drohnen, so zumindest die Theorie. Laut dem russischen Zugführer "Struk" vom 70. Motorschützenregiment sollen die Kabel eine anfliegende FPV-Drohne entweder wegschleudern oder deren Rotoren so schwer beschädigen, dass sie vor dem Aufschlag abstürzt. Patente aus dem Jahr 2023 und Mai 2025 zeigen zudem Versionen mit starren Rotorblättern anstelle von Kabeln. Die Kabelvariante gilt jedoch als überlegen, da sie leichter ist und bei Bodenkontakt nicht so schnell bricht.

Fragwürdige Konstruktion
Erste Aufnahmen des Systems tauchten im russischen Staatsfernsehen auf. Getestet wird der Prototyp derzeit in den besetzten Gebieten der Region Saporischschja. In den Videos ist zu sehen, wie ein modifiziertes Depesha-Roboterfahrzeug mit einer massiven Blechhülle und Gummimatten überzogen ist, an dessen Ecken die Propeller rotieren.

Dabei fallen auch gleich die Nachteile der äußerst improvisiert wirkenden Konstruktion auf. An einigen Stellen berühren die Kabel den Boden, was die Mobilität des Roboters massiv einschränkt und Staubwolken aufwirbelt, die die Position des Fahrzeugs sofort verraten können. Beim Fachmagazin Militarnyi wirft man die Frage auf, wie lange es wohl dauern wird, bis sich ein solches Gerät in Unterholz und Büschen festfährt.

Sogar in russischen Militärblogs ist die Kritik an der neuesten Innovation auf dem Schlachtfeld heftig. Das ist umso erstaunlicher, als viele Kriegsblogger häufig ungefiltert die überlegenen russischen Superwaffen preisen, obwohl sich diese in der Realität oft als Luftnummern entpuppen.

Bei dem Prototyp auf Basis des Depesha-Roboters nimmt der Mechanismus fast den gesamten internen Raum ein. Für Munitionstransporte oder die Evakuierung von Verwundeten bleibt kein Platz. Außerdem ist unklar, wie man ein solches Gefährt bewaffnen kann. Zudem sind die Stahlkabel eine große Gefahr für Soldaten in der Umgebung. Und selbst wenn die Drohnenabwehr funktionieren sollte, ist das Fahrzeug gegen herkömmliche Panzerabwehrminen so gut wie schutzlos.

Kritiker auf Telegram bezeichnen das System als "Sarg mit lustigen Ventilatoren". Ein direkter Treffer durch eine RPG (Panzerfaust) würde die Konstruktion sofort zerstören; für darin befindliche Soldaten (so sie denn Platz haben) wären die rotierenden Stahlseile eine tödliche Falle, selbst wenn sie den initialen Angriff überleben. Ähnliche Systeme wurden bereits für Kampfpanzer und den UAZ-452 Buchanka, ein ungepanzertes Transportfahrzeug, patentiert.

Ob sich diese Konstruktionen bewähren, ist fraglich, aber nicht ausgeschlossen. Auch Stachel- oder Käfigkonstruktionen oder Schildkrötenpanzer wurden anfangs belächelt, erwiesen sich richtig eingesetzt jedoch als effektiv.

Russland arbeitet an eigenen Roboterdrohnen
Im Jänner 2025 gab die russische Verteidigungsholding Vysokotochnye Kompleksi bekannt, dass sie eine Charge von "Bodenrobotersystemen" des Typs Depesha an die russischen Streitkräfte geliefert habe. Die Plattformen wurden bereits zuvor im Krieg gegen die Ukraine eingesetzt, unter anderem als Kamikaze-Bodendrohnen.

Depesha wurde vom russischen Signal Research Institute entwickelt und erstmals auf der Messe Army-2024 vorgestellt, wie die Kyiv Post berichtet. Das Allrad-Elektrofahrzeug kann eine Nutzlast von bis zu 200 Kilogramm transportieren und ist damit für Nachschublieferung oder zur Evakuierung von Verwundeten geeignet. Mit Waffensystemen wie Maschinengewehren oder automatischen Granatwerfern ausgestattet, soll die Bodendrohne auch Kampfmissionen bestreiten können.

Depesha kann Berichten zufolge mit einer Geschwindigkeit von bis zu 30 km/h über unwegsames Gelände fahren. Über die Reichweite des Fahrzeugs ist nichts bekannt, sie dürfte mit dem Einsatz von vier Rotoren aber nicht allzu hoch sein.
(pez, 12.2.2026)
"Sarg mit Propellern": Russland testet Drohnenabwehr mit rotierenden Stahlseilen
 

josef

Administrator
Mitarbeiter
Trotz Sanktionen: Europäische Technik in russischen Kamikaze-Drohnen
Die Geran-2-Drohne ist eine zentrale Waffe im Krieg gegen die Ukraine. STANDARD-Recherchen zeigen, dass auch österreichische Bauteile zum Einsatz kommen

Eine internationale Recherche zeigt, dass in den russischen Geran-2-Drohnen Teile von mindestens 19 europäischen Unternehmen verbaut sind.
James O'Brien/OCCRP

Millionen Ukrainerinnen und Ukrainer erkennen dieses Geräusch im Schlaf. Es klingt wie ein knatterndes Moped; doch es ist eine anfliegende Geran-2. Die Kamikaze-Drohne ist zu einer der wichtigsten Waffen Russlands im Krieg gegen die Ukraine geworden: billig, massenhaft produzierbar – und tödlich.

Das unbemannte Fluggerät ist 3,5 Meter lang, kann bis zu 90 Kilogramm schwere Sprengköpfe transportieren und ist gebaut, um sich mit ihrer tödlichen Ladung ins Ziel zu stürzen. Russland flog 2025 zehntausende Angriffe mit Drohnen wie der Geran-2. Nur an acht Tagen war das Knattern der Geran-2 2025 nicht über der Ukraine zu hören.

Heuer griffen die Drohnen bislang täglich an. Ihr Ziel: Kraftwerke, Versorgungsleitungen und Logistikzentren. Regelmäßig treffen sie Zivilistinnen und Zivilisten.

Zentrale Teile aus Europa
Beim Blick ins Innere der Drohne zeigt sich: Sie enthält zentrale Bauteile aus Europa. Mikrochips, Sensoren, Transistoren. Komponenten also, die sowohl zivil als auch militärisch genutzt werden können – sogenannte "Dual-Use"-Güter.

Eine gemeinsame Recherche des STANDARD, dem Organized Crime and Corruption Reporting Project (OCCRP), dem Kyiv Independent, der belgischen Zeitung De Tijd, der britischen Times, der Irish Times und der spanischen Nachrichtenseite Infolibre zeigt: Die russische Drohnenproduktion ist noch immer erheblich von Teilen aus dem Ausland abhängig. So finden sich in Geran-2-Drohnen Teile von mindestens 19 europäischen Unternehmen – darunter auch ein österreichisches: Ams-Osram mit Sitz in Premstätten in der Steiermark.


Ukrainische Ermittlerinnen und Ermittler untersuchen jeden russischen Luftangriff, wie etwa hier eine russische Drohne im vergangenen Juni in Charkiw.
EPA/SERGEY KOZLOV

Schon kurz nach Kriegsbeginn stellte die Ukraine Informationen zu Bauteilen russischer Waffen online. Rakete für Rakete, Drohne für Drohne kann man sich durch mehr als 5000 Bauteile von fast 200 russischen Waffensystemen klicken – und stößt dabei wieder und wieder auf Komponenten aus dem Westen, pro Fluggerät sollen es über 100 sein. Wie viele es genau sind, lässt sich nicht verlässlich sagen, da viele Drohnen beim Aufprall komplett zerstört werden.

Ams-Osram: "Strikt an Sanktionen gehalten"
Was feststeht: In den Überresten von Geran-2-Teilen haben ukrainische Experten zumindest drei Teile von Ams-Osram gefunden. Von diesen gibt es auch Fotos: Kleine, schwarze Rechtecke, auf die eindeutig entzifferbar Teilenummern geprägt sind. Dabei handelt es sich um Positions- und Geschwindigkeitssensoren, die eigentlich nur für den zivilen Gebrauch vorgesehen sind.

Ams-Osram erklärt, erst durch die Anfrage von diesen Fällen erfahren zu haben. "Wir nehmen die von Ihnen aufgeführten Fälle sehr ernst und empfinden sie als sehr bedrückend", erklärt ein Sprecher. Ams-Osram halte sich "strikt an alle anwendbaren Sanktionen". Alle "direkten und indirekten Geschäftsbeziehungen nach Russland" seien eingestellt worden. Die fraglichen Komponenten seien ursprünglich nicht nach Russland, sondern nach Hongkong geliefert worden. Zum Großteil bereits 2019 – und damit vor Verhängung der Sanktionen. Ein 2024 gelieferter Sensor unterliege "keinen Beschränkungen nach der Dual-Use-Verordnung". Er sei "an einen Kunden in Hongkong beziehungsweise einen End-Kunden in China geliefert" worden. Man werde alle Kunden nun kontaktieren und "gegebenenfalls weitere Maßnahmen ergreifen".


Der österreichisch-deutsche Chip- und Sensorhersteller Ams-Osram gibt an, bereits alle Lieferungen nach Russland gestoppt zu haben.
APA/ERWIN SCHERIAU

Das österreichische Wirtschaftsministerium erklärte auf STANDARD-Anfrage, dass die fraglichen Bauteile "generell keiner Genehmigungspflicht" unterlägen. Sehr wohl verboten sei allerdings die Ausfuhr nach Russland.

Die Europäische Union (EU) hat seit der russischen Invasion im Februar 2022 immer neue Sanktionen verhängt. 19-mal wurden bislang weitere Vorgaben beschlossen. Und trotzdem bleiben Lücken – im Regelwerk und auf den Lieferwegen. So finden noch immer westliche Bauteile ihren Weg nach Russland – darunter auch Zündkerzen, Transistoren und Chips deutscher Hersteller wie Robert Bosch, der Rheinmetall-Tochter Pierburg, dem Halbleiterhersteller Infineon Technologies und TDK Electronics.

Bosch-Teile in Drohne
Die Robert Bosch GmbH erklärte auf Anfrage, bereits 2025 erfahren zu haben, dass eine ihrer Zündkerzen in einer russischen Drohne gefunden wurde. Der Fall sei untersucht worden. Der ukrainische Geheimdienst HUR stieß laut interner Dokumente, die der STANDARD exklusiv einsehen konnte, auf ein weiteres Bosch-Teil in einer Geran-2-Drohne. Dieses Exemplar wurde laut Bosch im Sommer 2024 in China gefertigt und dort vertrieben. Wie die Komponente nach Russland gelangen konnte, soll nun untersucht werden.


Viele Drohnen explodieren beim Aufprall und werden komplett zerstört. Das macht eine Nachvollziehbarkeit ihrer Bauteile oftmals unmöglich.
IMAGO/Viacheslav Madiievskyi

In Geran-2-Drohnen haben ukrainische Experten auch sogenannte Leistungsinduktionsspulen der Marke Epcos gefunden, die deutschen Ursprunges sein sollen. Der deutsche Ableger des japanischen TDK Electronics-Konzerns, der Produkte der Marke Epcos herstellt, betont, 2022 alle Lieferungen in die Russische Föderation eingestellt zu haben. Über Zwischenhändler oder Drittstaaten könnten die Bauteile dennoch ihren Weg in russische Drohnenfabriken finden. Zudem sei es möglich, dass zivile Produkte wie Waschmaschinen oder Autos importiert und zerlegt werden, um an die Komponenten zu gelangen.

Von dem deutschen Halbleiterhersteller Infineon und der 2015 übernommenen Firma International Rectifier wurden mehrere gefundene Bauteile nach ukrainischen Geheimdienstinformationen erst 2023 und 2024 gefertigt. Wie sie nach Russland gelangt sind, konnte Infineon auf Nachfrage nicht erklären. Nur soviel: Das Unternehmen verkaufe nur an Kunden, die nicht im Verdacht stehen, Geschäfte mit Russland zu machen.


Die ukrainische Staatsanwaltschaft sammelt auch Überbleibsel russischer Drohnen für den Fall der Verfolgung etwaiger russischer Kriegsverbrechen, wie etwa hier in Charkiw.
/Andreas Stroh

Das vierte deutsche Unternehmen, dessen Teile in russischen Drohnen gefunden wurden, ist die Rheinmetall-Tochter Pierburg. "Keines der genannten Produkte wurde durch uns nach Russland ausgeführt", erklärte Rheinmetall im Dezember 2025, nachdem eine Pierburg-Treibstoffpumpe in einer russischen Drohne gefunden worden war. Zu den rund 150 Lieferungen mit Pierburg-Teilen, die nach einer STANDARD-Auswertung von Informationen der Handelsdatenbank Import Genius in den vergangenen zwei Jahren bei russischen Unternehmen angekommen sind, wollte sich Rheinmetall nicht äußern.

Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj warnte im Herbst 2025 öffentlich, dass immer noch Hunderttausende Teile westlicher Produktion ihren Weg nach Russland fänden. Tatsächlich zeigen Informationen der Handelsdatenbank Import Genius: Zwischen Jänner 2024 und März 2025 erreichten über 500 Sendungen mit deutschen, österreichischen und Schweizer Produkten Russland – häufig über Drittstaaten. Einige Empfänger stehen auf Sanktionslisten, viele jedoch nicht. Mindestens eine Lieferung, die am 18. Jänner 2024 in Russland ankam, enthielt demnach österreichische Produkte. Verschifft hatte die Teile eine türkische Firma.
(Celine Imensek, Mitarbeit: Lars Bové, Alisa Yurchenko, 18.2.2026)
Trotz Sanktionen: Europäische Technik in russischen Kamikaze-Drohnen

Siehe dazu auch: Steirische Teile in russischer Drohne vermutet
 
Die Realität ist:
.......Fraglich ist, wieviele nach einem Frieden zurückkehren. Aus den Erfahrungen mit DDR/CZ/Ungarn/Balkan nur wenige....
Der ORF sagt jetzt: Nur noch zwei Prozent der nach Österreich geflüchteten Ukrainerinnen und Ukrainer planen eine baldige Rückkehr in ihre Heimat.
.......Insgesamt leben aktuell gut 94.000 Menschen mit ukrainischer Staatsbürgerschaft in Österreich, die allermeisten davon kamen erst nach der russischen Aggression ins Land. Mehr als 60 Prozent sind weiblich, ein Drittel unter 20 Jahre alt.
Quelle
 

josef

Administrator
Mitarbeiter
Weniger Angriffe
Telegram- und Starlink-Blockaden schicken Russland in den Blindflug
Der Kreml beginnt sich alternative Strategien zu überlegen, um keine weiteren Geländeverluste hinnehmen zu müssen

In der Ukraine wurden Mitte Februar spürbar weniger Angriffe der russischen Streitkräfte registriert.
REUTERS/Oleksandr Ratushniak

Russland scheint im Krieg gegen die Ukraine zunehmend in den Blindflug zu gehen. "Sie haben die Fähigkeit verloren, das Schlachtfeld zu kontrollieren", erklärt ein ukrainischer Drohnenpilot am Donnerstag der BBC. Das hat vermutlich zwei Gründe, argumentieren Beobachter, wovon der Kreml einen selbst zu verantworten hat.

Begonnen hat alles damit, dass Ende Jänner bekannt wurde, dass Russland für Drohnenangriffe – auch auf Zivilisten – den Musk-Service Starlink nutzte. Nach lauten Beschwerden des ukrainischen Verteidigungsministeriums reagierte der Unternehmer prompt. Er ließ sämtliche unregistrierten Starlink-Terminals vom Netz trennen.

Musk bestritt vehement, Russland mit Starlink versorgt zu haben. Das wurde unter anderem von Medien wie Al Jazeera bestätigt. Offenbar besorgten sich russische Truppen die nötigen Terminals über Drittländer in Zentralasien. Die Technologie ist deshalb so relevant, da die russischen Drohnen mit ihrer Hilfe ukrainische Störsysteme umgehen können. Zudem hilft Starlink bei der schnellen Kommunikation und damit Koordination zwischen Fronteinheiten und Führung.

Aber das alleine hätte wohl noch nicht gereicht, um Russland in den Blindflug zu schicken.

Doppelschlag
Vergangene Woche entschied die russische Führung, proaktiv gegen diverse Messenger-Services vorzugehen, um das eigene Volk auf den Staats-Messenger Max zu drängen. Neben dem im Land sehr beliebten Whatsapp sperrte der Kreml auch Telegram, was in den eigenen Reihen kritisch aufgenommen wurde.

Wie Bloomberg berichtet, beklagen seit ein paar Tagen prorussische Militärkanäle, dass die plötzliche Sperrung von Telegram – zusammen mit Elon Musks Sperrung des russischen Zugangs zu Starlink – Operationen an der Front aktiv beeinträchtigt. Telegram ist nämlich nicht nur die bevorzugte Messaging-App für Millionen russischer Zivilisten, sondern wird auch von Soldaten zur direkten Kommunikation auf dem Schlachtfeld genutzt. Die Regierung erklärte letzte Woche, dass sie Telegram wegen Verstoßes gegen nationales Recht verbieten werde und diese Entscheidung zum "Schutz der russischen Bürger" getroffen worden sei. Telegram nannte diese Behauptung "frei erfunden".

Dieser "doppelte Schlag", die plötzliche Nichtverfügbarkeit von Telegram und die Abschaltung "nicht autorisierter" Starlink-Terminals, hat laut europäischen Diplomaten derzeit "erhebliche Auswirkungen" auf die russische Kommunikation. Viele stellen sich nun die Frage, ob diese Entwicklungen einen längerfristigen Einfluss auf den Verlauf des Konflikts haben werden oder ob Russland zumindest im Hinblick auf Telegram zurückrudern wird.

Weniger von allem
Der amerikanische Thinktank Institute for the Study of War (ISW) berichtete vor wenigen Tagen, dass ukrainische Streitkräfte zwischen dem 11. und dem 15. Februar rund 200 Quadratkilometer an Territorium zurückerobert haben. Laut ISW sind dies die umfassendsten Rückeroberungen seit Beginn der Gegenoffensive im Juni 2023. Zeitlich würde das gut zu den beschriebenen Entscheidungen bei Starlink und Telegram passen.

Diese Entwicklung ließ russische Soldaten zunehmend verzweifeln und unvorsichtig werden. Um die Kommunikation zu verbessern, wurden ukrainische Bürger kontaktiert, um unter deren Namen Starlink zu nutzen. Ukrainische Cyberspezialisten beobachteten diesen Trend und erstellten ein Netzwerk aus gefälschten Telegram-Kanälen und automatisierten Bots. Diese boten vermeintliche Aktivierungsdienste an – und ließen sich dafür von den Invasoren auch noch in Kryptowährungen bezahlen. Starlink konnten die russischen Soldaten natürlich trotzdem nicht nutzen.

"Ich glaube, sie haben 50 Prozent ihrer Offensivkapazität verloren", behauptet der eingangs erwähnte ukrainische Drohnenpilot. "Das zeigen die Zahlen. Weniger Angriffe, weniger feindliche Drohnen, weniger von allem."
(aam, 20.2.2026)

Mehr zum Thema
Russische Drohnen mit Starlink-Antennen: Gegenwehr laut Musk schon erfolgreich

Telegram- und Starlink-Blockaden schicken Russland in den Blindflug
 

josef

Administrator
Mitarbeiter
Vier Jahre russischer Überfall
Doppeltes Patt im Ukraine-Krieg
1771937094930.png

Der russische Angriffskrieg gegen die Ukraine geht am Dienstag in sein fünftes Jahr. Ein baldiges Ende ist nicht in Sicht. Militärisch präsentiert sich ein zermürbender Stellungskrieg mit hohen Verlusten. Diplomatische Verhandlungen scheitern an Territorialfragen. Gleichzeitig wird die Unterstützung Kiews im Westen zunehmend zur politischen Streitfrage. Entscheidungen in den USA und Europa scheinen den Verlauf des Krieges stärker zu beeinflussen als einzelne Geländegewinne an der Front.
Online seit heute, 5.57 Uhr
Teilen
Vier Jahre nach der Invasion russischer Truppen am 24. Februar 2022 ist trotz extremer Zerstörungen und hoher Opferzahlen die Hoffnung auf ein baldiges Kriegsende gering. Der Krieg dauert inzwischen länger als der Große Vaterländische Krieg der Sowjetunion gegen Nazi-Deutschland im Zweiten Weltkrieg.

Statt eines Kriegsendes herrscht ein Stellungskrieg, der sich über Tausende Kilometer Frontlinie erstreckt – von Charkiw im Norden bis Saporischschja und Cherson im Süden. Durch Angriffe aus der Luft werden regelmäßig auch viele Zivilistinnen und Zivilisten getötet und wichtige zivile Infrastruktur zerstört.

Reisner: „Jede Bewegung extrem erschwert“
Statt klassischer Frontverläufe erstreckt sich auf jeder Seite der Front eine graue Zone bis zu 25 Kilometer ins Hinterland. Kleine Bodeneinheiten versuchen hier – meist zu Fuß – Geländegewinne zu erzielen. „Jede Bewegung ist durch den starken Einsatz von Drohnen extrem erschwert“, wie Militärexperte und Oberst des österreichischen Bundesheeres, Markus Reisner, kürzlich bei einer Veranstaltung des Forums für Journalismus und Medien (fjum) sagte.

1771937205342.png
Besonders angespannt ist die Lage im Donbas. Zwar kontrolliert Russland weite Teile der großen Industrieregionen Donezk und Luhansk und rückt langsam und stetig vor, doch stark befestigte Städte wie Kramatorsk und Slowjansk gelten weiterhin als schwer einnehmbar. Laut dem US-Thinktank Institute for the Study of War (ISW) gebe es in den letzten Monaten kaum große Geländegewinne Russlands.

Lokale ukrainische Offensiven, stockende Vorstöße
Gleichzeitig gelingen der Ukraine lokal begrenzte Gegenangriffe, etwa im Raum Saporischschja und im Gebiet Charkiw. Ukrainische Militärbeobachter bewerten die Erfolge jedoch zurückhaltend und sprechen von eher „stabilisierenden Maßnahmen“. Jüngste Verluste der Russen dürften zum Teil auch mit dem Zugangsverlust zum Satellitenkommunikationsnetz Starlink von US-Tech-Milliardär Elon Musk zusammenhängen.

Der Ukraine gelang dadurch ein Vormarsch von zehn bis 15 Kilometern, analysierte Reisner. Laut ISW konnte Kiew innerhalb weniger Tage mehr als 200 Quadratkilometer zurückerobern – das größte territoriale Plus seit über zwei Jahren. Der Vormarsch stocke jedoch, „weil Nachschub und Versorgung wegen zerstörter Übergänge am Fluss Wowtscha ausbleiben“, so Reisner.

Drohnen weiter tödlichste Waffe
Die prägendste und tödlichste Waffe im Krieg sind mittlerweile Drohnen. Während die Ukraine zunächst überlegen war, hat Moskau inzwischen weitgehend aufgeholt, auch dank Massenproduktion. Die Ukraine schützt Frontabschnitte mit kilometerlangen Drohnenfangnetzen. Besonders glasfasergesteuerte Drohnen gelten als effektiv, da sie weniger störanfällig sind.

Reisner verwies hier auf Chinas große Rolle. Allein bei Glasfaserspulen würden monatlich bis rund 45.000 Stück produziert. Die Unterstützung Russlands durch Peking werde häufig unterschätzt. China habe kein Interesse an einer russischen Niederlage, sagte Reisner und verwies auf Aussagen Chinas gegenüber der EU-Außenbeauftragen Kaja Kallas im vorigen Jahr, wonach China fürchtet, die USA könnten sich verstärkt auf den Indopazifik konzentrieren.

IMAGO/Anadolu Agency/State Emergency Service of Ukraine
Angriffe auf zivile Infrastruktur und Zivilistinnen und Zivilisten sind in der Ukraine bitterer Alltag

Auch Indien unterstützt Russland wirtschaftlich, etwa durch Ölimporte. Russland umgeht westliche Sanktionen zudem über Drittstaaten, besonders in Zentralasien. Eine Stärke Russlands sei Reisner zufolge vor allem auch die hybride Kriegsführung mit Desinformation und Cyberangriffen. Europa stehe hier zunehmend unter Druck.

Ernüchterung in Europa
Europa bilanziert vier Jahre nach Kriegsbeginn ernüchternd. Trotz milliardenschwerer Ankündigungen konnten militärische Fähigkeiten nicht nachhaltig und abschreckend ausgebaut werden, sagte Reisner. Europa habe Schwierigkeiten, strategisch relevant zu bleiben. Bei Verhandlungen werde Europa teils an den Rand gedrängt oder nicht beteiligt. Zudem drohen politische Blockaden: Ungarns Premier Viktor Orban stellt EU-Hilfspakete und neue Sanktionen immer wieder infrage und droht mit Vetos.

Reisner verwies auch auf die zunehmende teure Rüstungsproduktion. Preise für westliche 155-mm-Artilleriegranaten haben sich vervielfacht, während Russland große Mengen dieser Munition günstig produziert. Der Bedarf an solchen Granaten geht dabei auf beiden Seiten in die Millionen.
Schwierigkeiten ergeben sich zudem durch reduzierte US-Hilfen unter Präsident Donald Trump. Laut Kieler Institut für Weltwirtschaft brachen sie um 99 Prozent ein. Europa muss das vor allem durch den Kauf von US-Waffen und die anschließende Weitergabe an die Ukraine kompensieren. Trotz sinkender Hilfen bleibe Washington für Kiew zentral: Die CIA liefert weiterhin Aufklärung, Satellitendaten und Lagebilder. Das verschaffe der Ukraine oft bedeutende operative Vorteile, so Reisner.

Hohe Verluste und schwierige Verhandlungen
Die Opferzahlen sind mittlerweile enorm. Der US-Thinktank Center for Strategic and International Studies (CSIS) geht in einer Studie von bis zu zwei Millionen Toten, Schwerverletzten und Vermissten auf beiden Seiten aus, wobei Moskau die meisten Verluste erlitt. Russland soll monatlich bis zu 40.000 neue Soldaten rekrutieren können, die Ukraine nach offiziellen Angaben etwa 27.000.

Kiew hat zudem demografische Probleme. Die Bevölkerung ist deutlich kleiner als jene Russlands, viele junge Männer haben das Land verlassen. Berichte über Deserteure und Konflikte bei Zwangsrekrutierungen gibt es regelmäßig. Ein Bataillon, das zu Beginn des Krieges bis zu 600 Soldaten umfasste, zählt laut Militärbeobachtern wie Reisner oft nur noch bis zu 150 einsatzfähige Soldaten. Drohnen und autonome Systeme sollen diese Lücken für die Ukraine ausgleichen.

IMAGO/Ukrinform/Viacheslav Madiievskyi
Die Ukraine hat große Probleme bei der Rekrutierung neuer Soldaten

Diplomatische Verhandlungen scheitern bisher vor allem an der Territorialfrage. Der Kreml fordert weitreichende Zugeständnisse – etwa die Aufgabe des gesamten Donbas –, die Kiew ablehnt. Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj plädiert gleichzeitig für den Einsatz multinationaler Truppen nahe der Frontlinie im Falle eines Waffenstillstands, um eine „Sicherheitsgarantie“ zu schaffen.

Wettlauf um Ressourcen und Unterstützung
Der Krieg ist zum Wettlauf um Ressourcen und politische Unterstützung geworden. Russland setzt auf Masse und die Unterstützung externer Partner, die Ukraine auf westliche Hilfe, technologische Kreativität und internationale Solidarität. Ernsthafte Verhandlungsergebnisse hängen weniger von der Lage an einzelnen Frontabschnitten ab als von strategischen Entscheidungen in Washington, Brüssel, Kiew, Moskau und nicht zuletzt wohl auch Peking.
24.02.2026, Florian Amelin, ORF.at/Agenturen

Links:
Ukrainischer Präsident
Kreml
Weißes Haus
Markus Reisner (Verteidigungsministerium)
ISW

CSIS-Studie

Vier Jahre russischer Überfall: Doppeltes Patt im Ukraine-Krieg
 

josef

Administrator
Mitarbeiter
Ukraine
„Härtester Winter“ für Zivilbevölkerung
1772041586348.png

Im vierten Kriegsjahr hat sich die Situation der Zivilbevölkerung in der Ukraine noch einmal dramatisch zugespitzt: Die Zahl der Opfer sei drastisch gestiegen, es gebe keinen Ort im Land, der nicht von Drohnen und Raketen bedroht sei, berichten Hilfsorganisationen gegenüber ORF.at. Angriffe auf die Infrastruktur lassen Menschen im kältesten Winter seit Jahren in ungeheizten Wohnungen zurück. Besonders dramatisch sei die aktuelle Situation für alte Menschen und für „Millionen Kinder“, warnen UNHCR, Caritas und CARE.
Online seit gestern 24.02.2026, , 23.11 Uhr
Teilen
Es sei mit Abstand „der härteste Kriegswinter, den die Menschen in der Ukraine haben“, so der Wiener Caritas-Direktor Klaus Schwertner gegenüber ORF.at. Das liege vor allem an der extremen und anhaltenden Kälte. Derzeit seien alleine in Kiew 1.500 Mehrparteienhäuser ohne Heizung und teilweise ohne Wasserversorgung, berichtet Schwertner aus der ukrainischen Hauptstadt im Gespräch mit ORF.at.

Aktuell würden über zehn Millionen Menschen in der Ukraine humanitäre Hilfe benötigen, so Elisabeth Arnsdorf Haslund, Kommunikationschefin des UNO-Flüchtlingshilfswerks (UNHCR) in der Ukraine zu ORF.at. Der Schutz vor der Kälte sei derzeit eine der Hauptaufgaben, berichten die Hilfsorganisationen. Das UNHCR habe mehr als 200.000 Menschen unterstützt, ihre Wohnungen zu heizen, größere Einrichtungen würden auch mit portablen Generatoren und Heizungen versorgt, so Haslund.

Reuters/Valentyn Ogirenko
Eine Feldküche in Kiew, in den Zelten dahinter können Bewohner eine warme Mahlzeit zu sich nehmen

„Wenn man heute durch ukrainische Städte geht, hört man das Summen von Generatoren an jeder Ecke“, sagt auch Sarah Easter, Nothilfereporterin von CARE Österreich, gegenüber ORF.at. Die Kälte würde zwar alle treffen, aber „am meisten leiden ältere Menschen, Menschen mit Behinderungen und Familien mit kleinen Kindern“. Vor allem Notunterkünfte werden laut Schwertner gebraucht, aber auch die Versorgung mit warmen Mahlzeiten sei derzeit wichtig.

Zahl der zivilen Opfer stark gestiegen
Doch es sei nicht nur die Witterung in Kombination mit den gezielten russischen Angriffen auf die Energieinfrastruktur: Die Zahl der zivilen Opfer sei 2025 um fast ein Drittel gestiegen, sagt Schwertner. Das untermauern auch kürzlich veröffentlichte Zahlen der Organisation Action on Armed Violence (AOAV). Das sei eine Folge der Weiterentwicklung der russischen Waffen, so der Caritas-Direktor: Deren Drohnen würden mit mehr als doppelter Geschwindigkeit gegenüber 2024 fliegen, die ukrainische Luftabwehr könne diese aber nicht mehr so einfach mit elektrischen Störsendern umleiten.

Mittlerweile sei man „an keinem Ort in der Ukraine sicher. Selbst in vermeintlich sicheren Orten wie in Lwiw (Lemberg) in der Westukraine kann es jederzeit passieren, dass es Angriffe aus der Luft gibt“, so Schwertner. „Die geografische Distanz bietet keinen Schutz“, sagt auch Easter: Drohnen und Raketen würden mittlerweile Regionen weit entfernt von der Front erreichen.

Schock, Anpassung, Erschöpfung
Die größte humanitäre Not sehe man allerdings weiterhin in den frontnahen Regionen im Osten und Süden des Landes, insbesondere in Teilen der Oblaste Donezk, Cherson und Saporischschja, so die CARE-Mitarbeiterin. Dort sei die Belastung für die Zivilbevölkerung unmittelbar und am stärksten. Das sagt auch Schwertner, er ergänzt die Region Sumy im Nordosten.

Reuters/Alexander Ermochenko
Viele Menschen, hier in der Region Luhansk, sind auf verteilte Lebensmittel und Hygieneartikel angewiesen

Zwischen Luftalarm und Lebensmittelverteilung versuchten Familien, so etwas „wie Normalität aufrechtzuerhalten“, so Easter: „Vier Jahre nach der Eskalation ist aus Schock Anpassung geworden und aus Anpassung Erschöpfung. Genau das macht die humanitäre Lage heute so komplex.“

Er erlebe eine „unglaubliche Solidarität, einen Zusammenhalt in der Bevölkerung“, sagt Schwertner. Gleichzeitig seien nach vier Kriegsjahren „auch Ermüdungserscheinungen oder Erschöpfung gerade bei der älteren Bevölkerung, gerade auch bei Kindern stark spürbar“.

Die Ängste der Kinder
Überhaupt seien Kinder besonders schlimm betroffen. Ein regelmäßiger Schul- oder Kindergartenbesuch sei schwierig, „weil sie fast jede Nacht in weiten Teilen der Ukraine in Luftschutzräumen Zuflucht suchen müssen“. Dazu käme die Angst um Brüder und Väter, die beim Militär an der Front sind, so Schwertner. Einige Kinder hätten ihm erzählt, „dass sie schon an den unterschiedlichen Geräuschen erkennen, welche Waffengattung gerade angreift“.

Das schildert auch Easter: „Kein Kind sollte lernen müssen, Raketen am Geräusch zu unterscheiden.“ Kinder würden deshalb auch in Bunkern tief unter der Erde unterrichtet, sie habe erst vergangene Woche eine neu eröffnete Untergrundschule besucht.

Kinderschutzzentren als Priorität
Aber auch das familiäre Umfeld sei betroffen: Eltern seien selbst traumatisiert, erschöpft oder wirtschaftlich unter Druck: „Es fehlt oft die Kraft, die Kinder emotional aufzufangen, obwohl sie es so gern würden.“ In psychosozialen Angeboten von CARE könne man sehen, „wie schnell die Kinder wieder lachen, wenn sie sich sicher fühlen“.

Die Caritas habe im ganzen Land Kinderschutzzentren eingerichtet, wo versucht werde, dass die Kinder in einem „geschützten Raum ein Stück Kindheit erleben können“. Auch Traumata sollen mit psychosozialer Hilfe bearbeitet werden.

Zahl der Evakuierungen stieg
Viele Kinder in der Ukraine seien in den vergangenen vier Jahren nicht nur einmal, sondern mehrfach vertrieben worden, so Easter. Das UNHCR registrierte 2025 einen deutlichen Anstieg an Vertreibungen und Evakuierungen aus den Frontgebieten: Fast 90.000 Evakuierte hätten die vom UNHCR unterstützten Transitzentren genutzt, die als Unterkünfte für einige Nächte dienen.

Aber alleine aus der Region Donezk sind laut Behörden im Jahr 2025 mehr als 115.000 Menschen vertrieben worden. Dabei handle es sich oft um Menschen, die nicht früher fliehen konnten oder wollten, wie Ältere und Menschen mit eingeschränkter Mobilität, so Haslund. Insgesamt gibt es laut UNHCR 3,7 Millionen Binnenflüchtlinge. Wohnraum zu schaffen, sowohl kurz- als auch langfristig, sei daher eine der Prioritäten.
Easter berichtet, dass gerade Ältere in den Städten und Dörfern in der Oblast Donezsk meinen, sich mit ihrer kleinen Pension kein Leben im Westen des Landes leisten zu können. Manche würden gar aus finanziellen Gründen wieder in die gefährlichen frontnahen Gebiete zurückkehren.

Pochen auf weitere Unterstützung
UNHCR, Care und Caritas mahnen ein, dass die Hilfe für die Menschen in der Ukraine weitergehen müsse – moralisch wie finanziell: Die Caritas habe seit Kriegsausbruch mit Spenden aus Österreich mittlerweile sechs Millionen Menschen erreicht, so Schwertner. Das sei kein Sprint, sondern „vielleicht der längste Hilfsmarathon in Österreich und Europa seit dem Zweiten Weltkrieg“. Und angesichts der geografischen Nähe sei das Nachbarschaftshilfe.

Easter betont, dass ohne stabile Mittel nicht nur der Verlust der lebenswichtigen Versorgung drohe: Verlässliche Unterstützung vermittle den Menschen in der Ukraine auch ein Gefühl von Sicherheit und Würde.
25.02.2026, Christian Körber, ORF.at
Ukraine: „Härtester Winter“ für Zivilbevölkerung
 

josef

Administrator
Mitarbeiter
Die Ukraine ist Europas größtes Labor
Es geht nicht nur um moderne Kriegsführung. Im kriegsgeschüttelten Land läuft ein zweites Experiment, nämlich das einer Staatsmacht, die wie eine digitale Plattform organisiert ist
Vier Jahre nach dem großangelegten Einmarsch Russlands in die Ukraine erscheint das Land zunehmend als "Labor" für künftige Kriege. Mit den Worten des britischen Premierministers Keir Starmer: "Die Natur der Kriegsführung verändert sich auf den Schlachtfeldern der Ukraine", und europäische Regierungen sollten von der Ukraine lernen, um im neuen Wettrüsten um Drohnen und KI-Waffen nicht ins Hintertreffen zu geraten.


Ein ukrainischer Soldat startet eine Aufklärungsdrohne in der Nähe der Frontlinie.
REUTERS/Stringer

Ähnliche Vorstellungen finden sich in unzähligen anderen Konflikten wieder. Die Bombardierung von Guernica in Spanien durch die Nazis ist ein berüchtigtes Beispiel für das bewusste Experimentieren mit wahllosen Luftangriffen auf Zivilistinnen und Zivilisten, und die daraus gezogenen Lehren prägten das Verhalten aller Parteien im Zweiten Weltkrieg. Weniger als 25 Jahre später richtete das Pentagon ein experimentelles Luftkommando in Südvietnam ein. Dort führte die US Air Force laut einem freigegebenen Strategiedokument „ein experimentelles Projekt zur Entlaubung des Dschungels” durch und nutzte den Vietnamkrieg als „Feldlabor” für Taktiken zur Aufstandsbekämpfung. Und auf einer Konferenz für Verteidigungstechnologie in Tel Aviv Anfang Dezember 2025 sagte Boaz Levy, Chef der Israel Aerospace Industries: „Der Krieg, mit dem wir in den letzten zwei Jahren konfrontiert waren, macht die meisten unserer Produkte für den Rest der Welt zulässig.”
Trotz der grausamen Assoziationen stützt sich auch die ukrainische Regierung auf die Labor-Metapher. Mitte 2025 startete die ukrainische Verteidigungstechnologie-Plattform Brave1 die Initiative "Test in Ukraine": ein Programm, das ausländische Waffenhersteller dazu einlädt, Prototypen für Praxistests einzusenden, wobei ukrainische Betreiber Daten an ausländische Konstrukteure und Ingenieure weitergeben. Ukrainische Drohnenhersteller haben in ähnlicher Weise von direkten Verbindungen zu Piloten und Technikern an der Front profitiert und durch deren Feedback Forschungs- und Innovationskosten reduziert.

Starker Katalysator
Die Ukraine hatte kaum eine andere Wahl, als sich mit dem Image ihres Landes als Testfeld abzufinden. Abgesehen von Waffen wird etwa die Hälfte der ukrainischen Staatsausgaben durch Beihilfen und Darlehen von Verbündeten finanziert. Eine Abhängigkeit dieser Größenordnung ist ein starker Katalysator für Experimente. Kleine bewaffnete Drohnen, die oft als die wichtigste Innovation dieses Krieges gefeiert werden, sind nichts anderes als eine Sparmaßnahme: Nachdem Lieferungen von Artilleriegeschossen aus dem Westen nicht ausreichten, wurden die kleinen Flugwaffen als billige – und dank chinesischer Elektronikfabriken leicht verfügbare – Lösung eingesetzt.

Die Ukraine als Labor der modernen Kriegsführung zu bezeichnen, bedeutet auch, auf die Vorteile für all jene hinzuweisen, die nicht am Experiment selbst beteiligt sind. Es bedeutet, auf dem Wert und vielleicht sogar auf der Gleichwertigkeit der Ukraine gegenüber ihren Verbündeten zu bestehen. Im Januar kündigte Verteidigungsminister Mykhailo Fedorov die Einrichtung eines "Datarooms" an. Das Projekt sammelt dank Drohnen an der Front umfangreiche Kampfdaten, um militärische KI-Modelle zu trainieren. Fedorov hatte zuvor angedeutet, dass die Kontrolle über diese „unschätzbaren” Informationen, gesammelt unter enormen menschlichen Kosten, dem Land helfen würde, Unterstützung durch befreundete Länder auszuhandeln. Je mehr Drohnen und andere Waffen die Ukraine selbst produzieren kann, desto mehr kann sie ihren Verbündeten greifbare wirtschaftliche Vorteile bieten und ihre Abhängigkeit reduzieren.

Nachhaltige Resultate
Um die Herstellung von Drohnen auszuweiten, musste die ukrainische Regierung neue Allianzen schmieden und neue Beschaffungswege erschließen. Möglicherweise werden sich diese weniger sichtbaren Experimente mit der grundlegenden Architektur des Staates, die der Ukraine durch den Krieg und die wirtschaftliche Abhängigkeit des Landes aufgezwungen wurden, als das nachhaltigere Resultat des "Labors" erweisen.

Um die langsame zentralisierte Beschaffung über die Strukturen der Streitkräfte zu umgehen, half Fedorov bei der Schaffung eines virtuellen Marktplatzes für Verteidigungsgüter. Das System "Army of Drones Bonus" stellt Militäreinheiten für jedes durch Drohnenaufnahmen verifizierte zerstörte Ziel virtuelle Währungseinheiten zur Verfügung, die auf einem offiziellen Online-Marktplatz für Waffen und Ausrüstung ausgegeben werden können. Dieser Quasi-Markt hat auch politische Auswirkungen: Durch die Änderung des Werts verschiedener Arten von Zielen – eine Artilleriekanone, ein Panzer, ein russischer Drohnenpilot – kann das Verteidigungsministerium Operationen an der Front "anstupsen" und Anreize für die Truppen schaffen, bestimmte Ziele unter Umgehung militärischer Befehlshierarchien zu suchen. Ebenso ermöglicht eine staatlich kontrollierte digitale Beschaffungsplattform Frontkommandanten, dezentrale Budgets für die Beschaffung von Drohnen und Drohnenstörsendern direkt bei Herstellern auszugeben und damit die üblichen Logistikhierarchien vollständig zu umgehen.

Digitale Register
Wo die Mittel für die Einstellung weiterer Beamtinnen und Beamte zur Bewältigung der unvorstellbaren Kriegsherausforderungen fehlen, hat die ukrainische Regierung auf die Digitalisierung staatlicher Dienstleistungen gesetzt. Integrierte Datenbanken mit personenbezogenen Informationen über männliche Wehrpflichtige bilden die Grundlage für die Rekrutierungskampagne des Militärs. Hersteller von Drohnen und anderer Verteidigungstechnologie profitieren von der Mitgliedschaft in digitalen Registern, die wie virtuelle Sonderwirtschaftszonen funktionieren, mit niedrigeren Steuern und gelockerten Umweltauflagen. Die gleiche Logik gilt auch für den zivilen Wiederaufbau, wo lokale Behörden jedes Projekt auf einer zentralen Plattform registrieren müssen, um staatliche Mittel dafür erhalten zu können.

Zusammengenommen stellen diese Veränderungen ein großangelegtes Experiment der Regierungsführung mittels digitaler Infrastrukturen dar: die ersten Anzeichen eines zukünftigen Plattformstaates.

Das "Labor Ukraine" hat durch den Druck Russlands und den Waffenmangel eine neue Art der Zermürbungskriegsführung hervorgebracht, in der billige Einwegdrohnen das Schlachtfeld dominieren, zumindest vorerst. Die Ergebnisse dieses Experiments sind ungewiss. Aber schon jetzt zeichnet dieser Konflikt die Blaupause für eine Staatsmacht, die wie eine digitale Plattform organisiert ist. Dieses zweite Experiment könnte noch lange nach Kriegsende und weit über die Grenzen der Ukraine hinaus Folgen haben. Welche Lehren werden wir daraus ziehen?
(Taras Fedirko, 26.2.2026)

Taras Fedirko ist Senior Research Fellow am Wiener Institut für die Wissenschaften vom Menschen (IWM) und Assistenzprofessor an der Universität Glasgow. Als Politik- und Wirtschaftsanthropologe forscht er zur Transformation von Staaten und Volkswirtschaften im Kriegszustand, zu Oligarchie und Korruption sowie zur Freiheit der Medien.
Die Ukraine ist Europas größtes Labor
 
......Es geht nicht nur um moderne Kriegsführung. Im kriegsgeschüttelten Land läuft ein zweites Experiment, nämlich das einer Staatsmacht, die wie eine digitale Plattform organisiert ist
Dies ist ein sehr interessanter Beitrag, der über die üblichen Zerstörungs-Berichte etc. hinausgeht.
Er zeigt viele bedeutende strategische Komponenten auf, die für alle Armeen der Welt in Zukunft wichtig sein können.

Im übrigen begann die Digitalisierung über Kriegsressourcen schon in WKII, als mit Hilfe von IBM-Lochkartenmaschinen die Häftlings-Nummern für bestimmte, qualifizierte KZ-Arbeitssklaven verarbeitet und gespeichert wurden. Diese wurden den Menschen auch auf die Arme tätowiert.
Hier im Forum zu lesen
 

josef

Administrator
Mitarbeiter
Krieg der Zukunft
Verbündete der Ukraine erhalten Zugriff auf Gefechtsdaten
Das Verteidigungsministerium stellt Daten für das Training von KI-Modellen zur Verfügung

Die Ukraine stellt die gesammelten Gefechtsdaten für das KI-Training zur Verfügung. Diese KIs sollen schließlich in Kampfrobotern wie diesem zum Einsatz kommen.
AFP/TETIANA DZHAFAROVA

Die Ukraine öffnet den Zugang zu ihren Schlachtfelddaten für ihre Verbündeten, um Drohnen-KI-Software zu trainieren, sagte der Verteidigungsminister am Donnerstag. Kyjiw kann auf einen Erfahrungs- und Datensatz zurückgreifen, den es bei der Abwehr der russischen Invasion in den vergangenen vier Jahren gesammelt hat.

Militärs weltweit wollten automatisierte Systeme einsetzen, die Drohnen ohne Piloten ins Ziel führen oder riesige Datenmengen schnell analysieren können.

Ausländische Verbündete und Unternehmen haben um Zugang zu den Datensätzen der Ukraine gebeten. Damit sollen Modelle trainiert werden, die das Verhalten von Mensch und Maschine auf dem Schlachtfeld analysieren und daraus Muster ableiten.

Ukraine profitiert ebenfalls
Verteidigungsminister Mychajlo Fedorow, zuvor Digitalminister, sagte, es sei eine Plattform geschaffen worden, um KI-Modelle sicher zu trainieren, ohne sensible Daten preiszugeben, die aber dennoch ständig aktualisierte Datensätze und große Mengen an Fotos und Videomaterial bereitstellt.

"Heute verfügt die Ukraine über eine einzigartige Auswahl an Schlachtfelddaten, die nirgendwo sonst auf der Welt ihresgleichen sucht", schrieb er auf Telegram. "Dazu gehören Millionen von annotierten Bildern, die während Zehntausender Kampfeinsätze gesammelt wurden."

Fedorow sagte, die Ukraine würde von der Beschleunigung der Entwicklung von KI-Modellen profitieren, die sie dann wiederum selbst in ihrem Krieg gegen Russland einsetzen könne.

"Wir sind bereit, mit Partnern an gemeinsamen Analysen, dem Modelltraining und der Entwicklung neuer technologischer Lösungen zu arbeiten", sagte er und fügte hinzu, dass die Ukraine die Rolle autonomer Systeme im Krieg stärken wolle.

Ukraine entsendet Spezialisten in den Nahen Osten
Als er im Jänner ernannt wurde, legte Fedorow seine Pläne für eine umfassendere, datengestützte Überarbeitung des ukrainischen Verteidigungsministeriums dar.

Die Ukraine kann einerseits ihren Vorteil aus den Erfahrungen des größten Konflikts in Europa seit 1945 nutzen. Andererseits muss sie sich darum bemühen, dass die Verbündeten weiterhin die Abwehr der Invasion mit Waffen oder finanziell unterstützen.

Die Ukraine hat diese Woche Spezialisten für die Drohnenabwehr in vier Nationen des Nahen Ostens entsandt, nachdem diese um Kyjiws Hilfe beim Abschuss von Irans gewaltigen Angriffswellen mit Shahed-Drohnen gebeten hatten.
(Reuters, 12.3.2026)
Verbündete der Ukraine erhalten Zugriff auf Gefechtsdaten
 
Oben