#63
Also für das Lager LINA hätte ich noch einen Kandidaten.
Siehe Fischgrät Muster an der linken Bildkante unterhalb der Uhr, bzw. einreihig auf der anderen Seite der Straße.
Es gab dort zumindest 1917 eine Feldbahn. Ob diese aber 1943 noch vorhanden war? Allerdings gebe ich zu bedenken das die schräge Anordnung von Gebäuden bereits 1917 zumindest im Bereich des Großmittel so gebaut wurden.

Aufnahme stammt von 1943.

Gruß
Cerberus9
 

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josef

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#64
"Lina" Groß Mittel

Hallo Gerald,
danke für das Lubi aus 1943! Nehme an, dass ist die Lösung! Müssen den Standort lt. NÖGIS-Lubi wahrscheinlich einige 100 m nach Norden korrigieren! Bahnanschluss an das riesige Groß Mittel-Areal war ja gegeben! Auch in Trasdorf (Isabella) wurde von Normalspur auf Feldbahn umgeladen und in Gr.M. gab es parallel zur Normalspur ein umfangreiches Feldbahnnetz (schon seit WKI)!

lg
josef
 
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#66
Hallo Henry,

Henry hat geschrieben:
Kannst du von den „Dicken Dinger“ einen Zeichnung des Grundriss mit ungefähren Größenangaben anfertigen ?
Natürlich - ich hab's zumindest grob herausgemessen und skizziert. Ich muß es aber noch in eine brauchbare Form bringen => dauert noch etwas...

LG,
Markus
 
#67
Hallo,

es ist soweit - ich habe den entsprechenden Plan in den Bericht eingefügt. Ich hoffe er ist verständlich. Der Schnee hat natürlich eine genauere Untersuchung verhindert - dafür hat er die Entdeckung erst ermöglicht...

LG,
Markus
 
#68
Das ist jetzt echt schwierig dort einen Prüfstand hinein zu interpretieren !
Markus, was ist mit dem Leitha – Fischa Wasserwerksverein, dessen Sitz in Eggendorf ist .
Wenn die für die Wasserversorgung zuständig waren und deine Betonfundamente in dessen Einzugsgebiet sind, dann müsste es eventuell auch Rohrleitungspläne geben die bei diesen Prüfständen endeten ! Die Leitung, die vom Bodensee nach Raderach gelegt wurde, hat einen durchmesse von 80 cm und wird heute noch benutzt ! Eventuell sind diese Flüsse auch nicht so arg von den Bauten entfernt, dann könnte es dort irgendwo ein Pumpenhaus geben !

Gruß Henry
 
#69
Hallo Henry,

...ich habe auch meine Probleme. Ausser: es handelt sich um die Spritzstände! Dieses Fundament hat schon eine Ähnlichkeit mit Deiner Skizze! Wenn ich dann an die Rillen im Norden des Areals denke, dann bin ich schon bei Schienen und einem fahrbaren Bau...


@Wasserverein: ich habe mit einem der Herren gesprochen: die Leitha ist in diesem Areal kein Fluß im herkömmlichen Sinn, sondern nur ein Hochwasser-Entlastungsgerinne als Überlauf der Schwarza,...
=> die Leitha ist in diesem Bereich als industrielle Kühlung/Wasserversorgung völlig sinnlos und war es auch damals schon.

Der Bereich um Wr. Neustadt ist aber sehr grundwasserreich! - und in diesem Wald ist auf manchen Karten sogar noch ein Wasserreservoir eingezeichnet - direkt neben der Lichtung im Westen => vielleicht sollten dort die heißen Teststände entstehen.

Weiters darfst Du nicht vergessen, dass bei einem Teststand mit künstlichem Teich kein hoher Wasserbedarf gegeben wäre - es müßten nur die Verluste (durch Verdampfen und Verdunsten) ausgeglichen werden => geringe konstante Nachspeisung => ideal für Grundwasserbrunnen.

LG,
Markus
 
#70
Jetzt nur mal grundsätzlich !
Der Leitha – Fischa Wasserwerksverein war endsprechend dem Schreiben von W.v.B. mit an der Sache beteiligt, einen Grund hierfür muss es doch geben !?

Gruß Henry
 

josef

Administrator
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#71
Nochmals ein paar Anmerkungen zu den Wasserläufen im Raum Wr.Neustadt:

Das nördliche Stadtgebiet durchquert die aus W kommende Fischa und schwenkt dann nach NO in Richtung Lichtenwörth, Eggendorf…

Östlich der Stadt fließt der Kehrbach. Dies ist ein künstlich geschaffenes Gerinne, welches im Raum Neunkirchen von der Schwarza abzweigt und bei Wr. Neustadt den „Wiener Neustädter Kanal“ speist. Jahreszeitlich bedingt fließt noch Restwasser in die Fischa.

Einige km südlich von Wr.Neustadt mündet die Pitten in die Schwarza und bildet ab dort die Leitha. Diese fließt ca. 1,5 km östlich des Stadtgebietes vorbei, ebenfalls in Richtung NO.


Die Wasserführung dieser Gewässer ist jahreszeitbedingt sehr unterschiedlich. Da sie aus den Gebirgsregionen der nördlichen Kalkalpen kommen, ist besonders nach der Schneeschmelze im Frühjahr der Höchststand. In trockenen Sommermonaten versickert die Schwarza als Leitha – Quellfluss im Abschnitt vor der Mündung der Pitten oft gänzlich und die weit geringere Zuflussmenge der Pitten lässt die Leitha dann zu einem Rinnsal verkommen. Andererseits können bei Gewitter in den Bergen riesige Wassermengen kurzfristig sogar zu Überschwemmungen führen!

Mit diesen etwas weit ausholenden Ausführungen möchte ich nur die Aussagen von @Markus untermauern:
@Wasserverein: ich habe mit einem der Herren gesprochen: die Leitha ist in diesem Areal kein Fluss im herkömmlichen Sinn, sondern nur ein Hochwasser-Entlastungsgerinne als Überlauf der Schwarza,...
=> die Leitha ist in diesem Bereich als industrielle Kühlung/Wasserversorgung völlig sinnlos und war es auch damals schon.
Durch diese Versickerungen befinden sich unter dem „Steinfeld“ riesige Grundwasserseen, die auch für die Wasserversorgung der Region durch Tiefbrunnen „angezapft“ werden. Der „Leitha – Fischa Wasserwerksverein“ bezieht/bezog daher seine Wasserlieferungen nicht aus den namensgebenden Flüssen, sondern aus Brunnenanlagen! Wenn @Henry nun schreibt, dass die Wasserzuleitung vom Bodensee zur Anlage Raderach eine NW von 80 cm hatte/hat, dann schließt das schon auf ganz beachtliche Verbrauchsmengen! Daraus ergibt sich nun die schwierige Frage, woher sollte das benötigte Kühlwasser bezogen werden? Brunnen vor Ort oder Zuleitung von externen Wasserwerken? Noch Hinweise/Baureste vorhanden?

Noch etwas:
Vom rund 200 Jahre alten „Wiener Neustädter Kanal“ zweigte eine Stichstrecke, genannt „Pöttschinger Ast“ ab, welcher bis an den Rand des betreffenden Geländes beim „Zillingdorfer Wald“ führte! Dieser Stichkanal diente zum Abtransport der Kohle aus den Gruben von Zillingdorf und Pöttsching. Die Transporte wurden um 1875 eingestellt und der Kanal 1918 bis Wr.Neustadt-Lichtenwörth trockengelegt. Die Trasse querte die Senke der Leitha – Auen auf einem Damm und überquerte den Fluss mittels einer Trogbrücke.

Dazu fand ich bei Slezak „Kanal-Nostalgie-Aspangbahn“, ISBN 3-85416-153-0, auf Seite 42:
Die 1964 abgetragene Dammstrecke des Kanals im Bereich Lichtenwörth/Pöttsching soll während des Zweiten Weltkriegs Bahngleise zu einem Wehrmachtsversuchsgelände getragen haben.


Dazu ein Ausschnitt der Ö-Karte 1.75.000 aus 1930:
Hellblau => Fischa, Kehrbach und Leitha
Dunkelblau => Wiener Neustädter Kanal
Gelb => Stichkanal „Pöttschinger Ast“
Rosa => Lokomotivfabrik (später RAX-Werke) und Zillingdorfer Wald
 

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#72
Josef

Ich kenn mich mit der lokalen Geographie nicht aus, wäre es möglich in einer Karte alle mögliche Wasserendnamestellen im Einzugsgebiet des
Leitha – Fischa Wasserwerksverein und die angenommenen Prüfstände einzutragen ? Eventuell noch das nächstgelegene Umspann- b.z.w. E-Werk, Schienennetz ? Es ist anzunehmen das der Wasserwerksverein auf grund seiner Wassergeologischen ? Kenntnissen und eventuell bestehende Entname Rechte einen wesentlichen Beitrag bei der Festlegung des Prüffeldes leistete . Unabhängig wo das Wasser entnommen wurde müsste es doch Rohrleitungspläne geben. Darüber hinaus muss es auch ein Abfluss geben, überschüssiges Wasser muss nach irgendwo abfliesen können !

Gruß Henry
 
#73
Hallo,

bitte verabschiedet Euch gedanklich von der 800er Leitung! Man kann technisch eine Kühlung auf viele Arten lösen:

Wenn ich viel Wasser habe (Bodensee), dann nutze ich das natürlich als Techniker, weil es einfach zu realisieren und billig ist. Dann habe ich große Pumpen, weil ich in kurzer Zeit eine große Wassermenge verbrauche.

Habe ich Grundwasser, dann installiere ich einen Pufferbehälter (=> künstlicher See) und kann ohne große Fördermengen auch genügend Kühlen. Ich fördere konstant aus dem Boden und habe als Kühlung einfach die größere Masse und damit den größeren "Kältespeicher".

Habe ich nichts von beidem, dann muß ich mit einem geschlossenen Kreislauf und z.B. mit einem Kühlturm arbeiten.


Beim Raxwerk dürfte es Variante 2 gewesen sein! => keine großen Fördermengen, keine großen Pumpen, keine großen Zuleitungen und auch keine großen Ableitungen!!! Das Wasserreservoir ist ja offensichtlich noch da - ganau an der richtigen Stelle...

LG,
Markus
 
#74
Ich dachte weniger an eine 800er Leitung, sondern an eine Wasserversorgung allgemein !
Mit den Großen Pumpen hast du recht, das man dis nicht wollte hab ich irgendwo auf Papier!
Ich gehe davon aus das man die künstliche Teiche so anlegen wollte das dise zum einen durch das Grundwasser direkt gespeist wurden, aber auch nachgefüllt werden konnten wenn es mit dem Wasser etwas knapp war. Wo es am Sinnvollsten war so ein Teich anzulegen hätte der Wasserwerksverein sicherlich wissen müssen ! Ich versuch es mal ganz einfach zu sagen, würde ich ein Prüfstand so bauen müssen dann würde ich diesen auf einen festen Wasser undurchlässigen Grund machen der mit einer höchstens 2m hohen natürlichen Erdschicht überdeckt, aber das Grundwasser bereits nach 50 cm anzutreffen ist. Dieser Grundstück sollte aber im Schnittpunkt zwischen einer Bahnanbindung, Strom und Brauchwasser Zufuhr so wie Abfuhr liegen . Also ideale, eventuell vorhandene Infrastruktur in Verbindung mit einem stabilen Baugrund . Um den Prüfstand im Umkreis von 500 m kein anderes Gebäude das nicht zum Prüfstand gehört ( es gab da eine Sicherheitsvorschrift !) und wegen der Geheimhaltung
einen ausreichenden Sichtschutz !


Gruß Henry



PS: Das Prüffeld in Raderach hatte man mitten in ein Niedermohr gebaut, durch eine Bahntrasse die man dort anlegte entstanden nach dem Krieg zwei recht große Teiche nur aus Grundwasser .
Das gesamte Areal liegt in einem Wassereinzugsgebiet und dennoch hat man auch das normale Brauchwasser ebenso vom ca. 13 km entfernten Bodensee geholt !
http://www.stadtplandienst.de/map.asp?sid=265eb4de0a6b7bf1ac5941744ac1315b&ix=644&iy=62&grid=aero2m
 
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N

NewC

Guest
#75
Zillingdorfer Wald

Hallo Gemeinde :baaaeee .

Ich bin zwar schon seit längerer Zeit ein eifriger Leser dieses Forums, hatte aber bis jetzt nicht die Gelegenheit meinen "Senf" dazuzugeben.

Vielleicht kann ich etwas Licht in die Sache um das Gelände in Neudörfl bringen. Da ich in diesem Ort wohne, habe ich Zugang zu einer Art Chronik von Neudörfl aus dem Jahr 1982.

Dort steht folgendes geschrieben:

ZILLlNGDORFER WALD - GEHEIME KOMMANDOSACHE


Mitten im Zweiten Weltkrieg - im Jahre 1943 - wurde der östlich an Neudörfl angrenzende Zillingdorfer Wald zum "kriegswichtigen Objekt". Unter dem Deckmantel geheimer Kommandosache geschah zunächst für die Bewohner Neudörfls gar manch Merkwürdiges.
Auf dem schmalen Ackerstreifen zwischen Pöttschinger Straße und Waldsaum entfaltete sich eines Tages, beginnend von der Höhe des Gasthauses Fischer bis zum Wald hause der Familie Glaserer, rege Bautätigkeit.
Ausländische Fremdarbeiter in Zivil errichteten innerhalb kürzester Zeit zahlreiche Baracken, die teils als Unterkünfte, teils als Büros dienten. Als letztes Gebäude wurde unweit des heutigen Grenzgasthofes ein Haus gemauert, das offensichtlich dem Leiter des gesamten Projektes als Wohnung diente.
Was hatte das alles zu bedeuten? fragten sich die Neudörfler. Groben Schätzungen nach befanden sich hier mehrere hundert ausländische Zivilisten, die von deutschen Soldaten bewacht wurden. Ortsbewohnern war der Zutritt nicht gestattet.
Bald verbreitete sich das Gerücht, dass hier im Zillingdorfer Wald die immer wieder ins Gerede gebrachte "Wunderwaffe" oder zumindest ein Teil davon produziert werden sollte. Dies trug bei den Neudörflern jedoch keineswegs zu ihrer Beruhigung bei, begannen doch um diese Zeit bereits die Bombenangriffe auf militärische Ziele in Wiener Neustadt, und man befürchtete, dass die Amerikaner nun auch Neudörfl bombardieren würden.
Diese Befürchtung blieb zunächst unbegründet, auch dann noch, als jenseits der Pöttschinger Straße, also in unmittelbarer Nähe der unheimlichen Anlage eine Flakbatterie Stellung bezog.
Alles schien in ruhigen Bahnen zu verlaufen. Täglich kam ein Trupp der Fremdarbeiter mit Zisternen zum öffentlichen Gemeindebrunnen, der sich in der heutigen Matthias Kollwentz-Straße vor dem Hause Nr. 47 befand, um frisches Wasser für das Barackendorf zu holen.
Mit der Zeit schlossen einige der Fremdarbeiter sogar Bekanntschaft mit den Dorfbewohnern. Unter ihnen befanden sich viele Holländer und Belgier, größtenteils junge intelligente Männer. Wenn auch die Einheimischen selbst nicht viel zu essen hatten, ein Butterbrot konnten sie noch immer entbehren.
Wer jedoch versuchte, den Ausländern das Geheimnis des Zillingdorfer Waldes zu entlocken, wurde enttäuscht. Entweder die Fremden wussten selbst nicht, worum es ging, oder sie hatten Angst, auch nur das Geringste zu verraten.
Und doch sprach es sich in Neudörfl bald
herum, dass im Wald ein groß angelegtes Netz von Betonbunkern errichtet wurde. Offenbar sollten in diesen unterirdischen Fabriken in naher Zukunft kriegswichtige Erzeugnisse hergestellt werden.
Dazu sollte es jedoch nicht mehr kommen.
Wieder heulten eines Tages die Sirenen und kündigten feindliche Bomber an. Und wenig später, quasi im Vorbeifliegen, fielen in unmittelbarer Nähe des Barackendorfes die ersten Sprengbomben. Es hatte den Anschein, als wollten die Amerikaner diskret ankündigen: macht euch keine Hoffnungen, wir wissen längst, was hier geschieht. Nur aus Rücksicht auf die Fremdarbeiter haben wir das Gelände bisher verschont...
Von diesem Tag an wurden die Arbeiten an dem Projekt eingestellt. Die Arbeiter blieben wohl noch da, doch ihre Tätigkeit bezog sich nicht mehr auf den Weiterbau der Anlage. Das Barackendorf war fortan ein normales Lager für Internierte. Die Annahme, dass aus ihren Reihen die geheime Kommandosache verraten wurde, ist nicht von der Hand zu wei¬sen.
Ebenso unauffällig, wie sie eines Tages aufgetaucht waren, verschwanden die Fremdarbeiter. Als die Russen Anfang April 1945 in Neudörfl einzogen, stand das Barackendorf bereits gespensterhaft leer und verlassen da.
Es dauerte nicht lange, und auch die Baracken waren verschwunden. Daran waren allerdings nicht die Russen schuld, sondern die Dorfbewohner und mit ihnen auch mutige Leute aus den benachbarten Ortschaften und selbst aus Wiener Neustadt.
Beinahe fachmännisch wurden die Holzbaracken abgetragen, nachdem alles Inventar, bestehend aus Betten, Tischen, Stühlen und Kästen verladen worden war. Wer das Holz nicht verheizte, baute sich daheim entweder einen Schuppen, einen Hasenstall oder ähnliches.
Selbst der Ziegelbau des geflüchteten Projektleiters wurde in kürzester Zeit dem Erdboden gleichgemacht. Einrichtungsgegenstände und Bücher dieses Hauses findet man bestimmt noch heute in manchen Wohnungen.
Nachdem sich die Kriegswirren einigermaßen gelegt hatten, bot sich auch die Gelegenheit, die Geheimnisse der Anlage zu lüften. Inmitten des Waldes stießen die neugierigen Entdecker auf gewaltige Betonbauwerke, die sich größtenteils unter der Erde befanden.
Fertig gestellt war kein einziges davon, vielmehr waren die Bunker schon vielfach von Gras und Schlingpflanzen überwuchert.
Nie wurde einwandfrei geklärt, wozu diese Anlage dienen sollte. Noch heute kann man die Reste im Zillingdorfer Wald sehen.


ZILLlNGDORFER WALD - ARSENAL DES SCHRECKENS

Im Winter 1944/45, zu einer Zeit also, als die russische Front unseren Grenzen immer näher rückte, stand der Zillingdorfer Wald erneut im Mittelpunkt des öffentlichen Interesses. Anders aber als bei der früheren "gehei¬men Kommandosache" wusste bald jedermann im Ort, worum es nun ging.
Es begann mit dem Eintreffen eines Lastzuges auf dem Neudörfler Bahnhof. Er wurde auf ein Abstellgleis geschoben und von Soldaten streng bewacht.
Bald fuhren etliche Dutzend Pferdewagen vor dem Bahnhof auf. Dann begannen russische Kriegsgefangene, Kisten aus den Wag¬gons auf die Fuhrwerke zu verladen. Ein deutscher Soldat auf dem Kutschbock, ein paar Russen zu Fuß daneben, so bewegte sich alsbald ein Wagen nach dem anderen vom Bahnhof durch die heutige Matthias-Kollwentz-Straße in Richtung Zillingdorfer Wald.
Tag und Nacht, tagelang, wochenlang rollte ein beladener Pferdewagen nach dem anderen, säuberlich mit einer Plane zugedeckt, durch das Kurial. Ab und zu bettelte ein russischer Gefangener unterwegs um ein Stück Brot, und meist war es nicht vergeblich. Die Soldaten auf den Kutschböcken schauten gnädig drüber hinweg.
Der Zillingdorfer Wald war für Zivilisten fortan Sperrgebiet. Obwohl niemand genau wusste, was hier gelagert war, ahnte doch jeder, dass es sich um ein Arsenal des Schreckens handelte.
Der Winter verstrich, und die Bevölkerung hatte beinahe vergessen, dass sie unweit eines Vulkans wohnte, der jeden Augenblick ausbrechen konnte.
Am Karfreitag war es so weit. Eine gewaltige Detonation rollte über den Ort. Glaubten viele zuerst, die nahen Russen wären zum Angriff übergegangen, wurde man bald eines anderen belehrt. Deutsche Soldaten schickten die neugierig auf der Straße versammelten Leute in die Luftschutzkeller und warnten sie vor Splittern. Man war dabei, das Munitionsdepot im Zillingdorfer Wald zu sprengen, um es nicht in die Hände der heranrückenden Russen fallen zu lassen.
Und dann brach über Neudörfl ein Inferno herein, das die bisherigen Bombenangriffe in den Schatten stellte, vor allem, was seine Dauer betraf.
Zu den ständigen Explosionen gesellte sich das Pfeifen von Granatsplittern, die krachend in Hausmauern und Dächer einschlugen und eine tödliche Gefahr für jene darstellten, die sich im Freien aufhielten.
Nachts war der glühende Feuerschein der nicht enden wollenden Detonationen weithin sichtbar und gab einen Vorgeschmack auf die nahende Front.
Erst am Karsamstag wurde es stiller, wenngleich noch immer das Knattern explodierender Munition zu vernehmen war.
Damals waren viele Neudörfler der Auffassung, dass die Sprengung der im Zillingdorfer Wald gelagerten Munition die Russen veranlasst hätte, in anderer Richtung vorzustoßen. Tatsächlich kamen die Russen dann auch Ober das Rosaliengebirge in Richtung Wiener Neustadt.
Wenige Tage nach dem Einzug der Russen in Neudörfl wagten sich die ersten Neugierigen in den Zillingdorfer Wald. Was sie hier entdeckten, ließ sie erschaudern. Der Wald glich einer Kraterlandschaft. Granaten hatten die Baumkronen zum Teil abrasiert, teilweise lagen Baumstrünke obereinander oder in den tiefen Erdlöchern, die die gesprengten Granaten gerissen hatten. Überall lagen Reste und Splitter verschiedenartiger Munition verstreut, daneben unversehrte Kisten mit nicht explodierten Geschoßen - ein Schreckensdepot ungeahnten Ausmaßes.
Erst nach und nach wurden sich die Bewohner Neudörfls über den vollen Umfang des Depots klar. Die Sprengung war in der Eile nur unvollständig durchgeführt worden, und daher entdeckten die Leute ein Arsenal, das die breite Palette des Kriegsmaterial aufzeigte: Neben gewöhnlicher Karabiner-Munition lagen Geschosse für Maschinengewehre, Granatwerfer, Kanonen verschiedener Kaliber und alle Arten von Minen und Handgranaten herum.
Es hieß, dass einige Neudörfler sogar Pistolen, fein säuberlich in Kisten verpackt, fanden und nach Hause schleppten.
Von nun an zog der Zillingdorfer Wald mit magischer Gewalt abenteuerliche Gesellen aus nah und fern an. Es hatte sich herumgesprochen, dass mit den Messinghülsen der Geschoße ebenso ein Geschäft zu machen wäre wie mit den Kupferringen, die sich an den Granatköpfen befanden.
Mit Hammer und Meißel ausgerüstet, machten sich diese leichtsinnigen Typen Ober die gefährliche Ware her. Es kam, wie es kommen musste. Bei Explosionen verloren einige ihr Leben, andere wurden zu Krüppeln. Einem diese Männer mussten beide Hände amputiert werden. Ärzte trennten ihm später die bei den Unterarmknochen, so dass Elle und Speiche beider Arme wie zwei Zangen greifen konnten...
Natürlich war der Wald lange Zeit auch un¬widerstehlicher Anziehungspunkt für die Buben des Ortes. In Leuchtspurmunition fanden sie beispielsweise kleine Seidenfallschirme, mit denen herrlich zu spielen war. Aber auch große Fallschirme entdeckten sie, darunter vor allem jene grellroten, die beim Abwurf von Nachschub verwendet wurden. Aus ihnen ließen sich wunderschöne Hemden verfertigen, in denen lange Zeit jeder zweite Neudörfler herum lief.
Außer diesen eher harmlosen Funden zog aber etwas anderes die Buben an. Es waren die Zünder von Eierhandgranaten, die beim Abziehen zur Explosion gebracht werden konnten. Dieses gefährliche Spiel kostete einigen Buben mehrere Finger, doch darf man ruhig von einem Wunder sprechen, dass dabei nicht noch mehr passierte.
Ein weiteres begehrtes Sammelobjekt waren die verschiedenen Pulverstangen und -röhrchen, die sich in den Geschoßhülsen der Granaten befanden. Besonders die Röhrchen - den Makkaroni nicht unähnlich - eigneten sich für ein lustiges Spiel. An einer Seife angezündet, den Schuh daraufgestellt, flitzten diese Röhrchen alsbald wie Raketen durch die Gegend.
Praktisch waren diese Pulverstangen auch im Haushalt. Mit ihnen konnten die Hausfrauen monatelang in ihrem Küchenherd unterzünden - Papier war ja in diesen Zeiten rar.
Rar war damals auch Brennmaterial. Die Neudörfler zogen daher in Scharen in den Zillingdorfer Wald, um entweder umgestürzte Bäume einzusammeln oder auch welche umzuschneiden und heimzutransportieren. Beim Zersägen erlebten sie dann meist böse Überraschungen, denn die Stämme steckten voller Splitter, und so manche Säge wurde dabei ruiniert. Trotzdem half das Holz über den Winter.
Als Jahre später noch immer Menschen bei Explosionen im Zillingdorfer Wald zu Schaden kamen, entschloss sich die Behörde, den Wald endgültig zu säubern.
Einige Tage lang erschütterten abermals Detonationen den Ort, doch diesmal geschah es zum Vorteil der Bewohner. Sprengsachverständige sorgten dafür, dass ab nun der Zillingdorfer Wald keine Gefahren mehr barg.
Wenn man ihn heute durchstreift, kann es aber trotzdem noch vorkommen, dass man auf Relikte aus dieser Zeit stößt. Vorsicht ist daher noch immer geboten.

LG
Da Papa
 

josef

Administrator
Mitarbeiter
#76
@NewC:

Danke für den interessanten Auszug aus der "Neudörfler Ortschronik"! Da geht auch die eindeutige Trennung der Anlagen/Baufragmente usw. im und um den Zillingdorfer Wald hervor:

1. Prüfstände für A4 (V2) => Bautätigkeit nach Einstellung bzw. Verlagerung der Fertigung bei den Rax-Werken eingestellt.

2. Riesiges Munitionslager...

lg
josef
 
#77
Interessanter Bericht aus der Chronik von Neudörfl !
Leider ist dieser aus dem Jahr 1982, was wiederum ein paar Jahre her ist . Ich nehme an das diese überwiegend aus Zeitzeugen Berichten zusammen gestellt wurde, für diese Sache :


Wieder heulten eines Tages die Sirenen und kündigten feindliche Bomber an. Und wenig später, quasi im Vorbeifliegen, fielen in unmittelbarer Nähe des Barackendorfes die ersten Sprengbomben. Es hatte den Anschein, als wollten die Amerikaner diskret ankündigen: macht euch keine Hoffnungen, wir wissen längst, was hier geschieht. Nur aus Rücksicht auf die Fremdarbeiter haben wir das Gelände bisher verschont...

müsste es aber amtliche Notizen geben ! Es wäre nützlich Datum und Uhrzeit erfahren zu können, damit ließe sich möglicherweise die Bomberstaffel und deren Einsatzplan ermitteln !

Gruß Henry
 

josef

Administrator
Mitarbeiter
#78
Neudörfl

Hallo Henry, das Ganze ist sehr allgemein formuliert, keine Datumszuordnung möglich. Soweit mir bekannt, wurde Neudörfl wegen eines Verlagerungsbetriebes der Wiener Neustädter Flugzeugwerke (WNF) bombardiert und nicht wegen der A4-Aktivitäten, diese dürften zum Angriffszeitpunkt schon Geschichte gewesen sein! Werde am Abend nachsehen, ob ich dazu etwas genaueres finde.

lg
josef
 
N

NewC

Guest
#79
Neudörfl

@Markus

Du beziehst Dich in deinem Bericht über den Zillingdorfer Wald auf eine Luftaufnahme von 1944.
Wäre es möglich die hier einmal reinzustellen?
Würde mich persönlich sehr interessieren.

LG
NewC
 
#80
josef hat geschrieben:
Hallo Henry, das Ganze ist sehr allgemein formuliert, keine Datumszuordnung möglich. Soweit mir bekannt, wurde Neudörfl wegen eines Verlagerungsbetriebes der Wiener Neustädter Flugzeugwerke (WNF) bombardiert und nicht wegen der A4-Aktivitäten, diese dürften zum Angriffszeitpunkt schon Geschichte gewesen sein! Werde am Abend nachsehen, ob ich dazu etwas genaueres finde.

lg
josef
Ist schon richtig, letztlich wussten die Amis nichts von der geplanten A4 Fertigung im Rax Werk, somit war der Abwurf von Bomben auf Neudörfl unbeabsichtigt oder man hatte irgend eine Vermutung die aber nichts mit dem Thema A4 zu tun hat ( Verlagerungsbetriebes der Wiener Neustädter Flugzeugwerke ?).
Da es in dieser Chronik keine Zeitangaben gibt ist es erst mal nicht möglich einen Zusammenhang zwischen den Bautätigkeiten und den Raketenprüfständen zu sehen .
War der Bombenabwurf kein Zufall dann war, dann wäre es interessant zu wissen warum die dort Bomben abgeworfen haben !

Gruß Henry
 
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