"Force de Frappe"
Frankreich erweitert Atomschirm über Europa und baut neue Nuklearwaffen
Emmanuel Macron bietet den Europäern die Stationierung französischer Atomwaffen in Europa an. In Paris stößt der innenpolitisch geschwächte Präsident damit aber auf Widerstände
Frankreich erweitert Atomschirm über Europa und baut neue Nuklearwaffen
Frankreich erweitert Atomschirm über Europa und baut neue Nuklearwaffen
Emmanuel Macron bietet den Europäern die Stationierung französischer Atomwaffen in Europa an. In Paris stößt der innenpolitisch geschwächte Präsident damit aber auf Widerstände
Die martialische Kulisse passte zu Macrons verteidigungspolitischer Rede: Die Ile longue im äußersten Zipfel der Bretagne ist der Stützpunkt für die vier U-Boote, die einen Teil der 290 französischen Atomsprengköpfe tragen können – und von denen stets eines durch die Weltmeere kreuzt.
Das U-Boot 'Le Temeraire' könnte im Ernstfall zum Einsatz kommen.
EPA/YOAN VALAT / POOL
Die Frage nach ihrem Verwendungszweck stellt sich heute mehr denn je: Die Russen drohen Europa mit Angriff, die Amerikaner mit Rückzug. Kann Frankreich, die einzige Atommacht der EU, in die Lücke springen? Das französische Schutzangebot ist an sich nicht neu: Der Proeuropäer Macron hat es schon mehrfach formuliert, zuletzt 2020. Die deutschen Regierungen – und um sie geht es aus Pariser Sicht vor allem – sind unter Angela Merkel und Olaf Scholz nicht darauf eingegangen. Der aktuelle Kanzler Friedrich Merz hat aber Mitte Februar an der Münchner Sicherheitskonferenz erstmals Gespräche mit den Franzosen über eine Ausdehnung des französischen Atomschirms bestätigt.
Europäische Atom-Dimension
Macron hat auf der Ile Longue klar geantwortet, was möglich ist – und was nicht. Der französische Präsident bestätigte, dass die "Force de Frappe" eine "europäische Dimension" habe. Sie ist für Paris heute fester Bestandteil der nationalen Außen- und damit auch Verteidigungspolitik.
Präsident Emmanuel Macron, Herr über Frankreichs Atombomben.
AFP/POOL/YOAN VALAT
Aber Macron weiß: Bei den Präsidentschaftswahlen 2027 könnte die Rechtspopulistin Marine Le Pen oder ihr Stellvertreter Jordan Bardella ins Elysée einziehen – und damit würde Frankreich jede europäische Sichtweise auf einen Schlag verlieren. Für die Rechte kommt es nicht infrage, die nukleare Abschreckung, integraler Bestandteil der nationalen Unabhängigkeit, mit europäischen Partnern zu teilen.
Atomwaffen überall
Macron machte deshalb klar, dass jede "Teilhabe" ausgeschlossen bleibe. Eine solche Mitsprache pflegen einzelne Nato-Länder wie Deutschland oder Italien: Sie liefern die Flugzeuge, die amerikanische, aber in Westeuropa gelagerte B61 Sprengköpfe in östliche Ziele bringen könnten. Macron erklärte, dass der französische Staatschef als Chef der französischen Armee weiterhin allein die Entscheidung über den Einsatz der Atomwaffen bewahre.
Zugleich aber bietet er den Europäern eine "fortgeschrittene Abschreckung" an. Dies bedeute, sagte er, dass europäische Truppen an den Übungen der französischen Atomwaffen-Einheiten teilnehmen könnten. Umgekehrt könnten solche französischen städtischen Truppen in anderen EU-Ländern stationiert werden.
Vor allem aber offeriert Frankreich die Möglichkeit, französische Atomsprengköpfe in ganz Europa zu stationieren. Dies habe zum Ziel, den Standort dieser Waffen noch besser vor dem Feind zu verheimlichen. Das wiederum diene der Abschreckung Frankreichs, aber auch anderer Staaten.
Nationalisten gegen das Teilen
Macron sagte weiter, der wesentliche Partner in diesen Bemühungen sei Deutschland. Weitere Länder hätten ihrerseits Interesse bekundet, von der Force de Frappe zu profitieren: Polen, die Niederlande, Belgien, Griechenland, Dänemark und Schweden.
Vorgemacht hatten solche Kooperationen paradoxerweise die Briten, die nicht mehr in der EU sind: Sie beteiligten sich Ende 2025 – auf Offizierststufe – erstmals an der französischen Truppenübung Poker, die einen Atomangriff simuliert. Zuvor hatten London und Paris im Northwood eine Kooperation im Bereich der Atomwaffen – über die Großbritannien ebenfalls verfügt – vereinbart.
Abzusehen ist, dass die französischen Nationalisten zur Rechten wie zur Linken gegen Macrons Ankündigungen auf die Barrikaden gehen werden. Sie monieren, dass Deutschland schon heute doppelt so hohe Verteidigungsausgaben wie Frankreich habe; 2030 würden sie sogar dreimal so hoch ausfallen. Sie verdächtigen Merz schon heute "hegemonialer" Absichten fast wie in Weltkriegszeiten.
Viel zu klären
Aber es gibt auch Gegenstimmen, die mehr Verständnis für die deutsche Position aufbringen. Von den Sozialisten bis zu den konservativen Republikanern würdigen de gemäßigteren Parteien die Erhöhung des deutschen Wehretats als Beitrag zur europäischen Sicherheit. Macron kann daraus ein Argument bauen: Denn die Force de Frappe ist nicht nur eine Frage der äußeren Sicherheit, sondern der finanziellen Möglichkeiten. Das Loch in der französischen Staatskasse verzögert aber die überfällige Erneuerung der U-Boote und Kampfjets, die Atomsprengkörper tragen.
Hier könnte die deutsche Seite eine Beitrag leisten. Die nukleare Teilhabe gibt es nicht umsonst. Auch die Amerikaner verlangen, dass die interessierten Europäer im Gegenzug zum Atomschirm ihre sündhaft teuren F35-Jets kaufen. Was, wenn Deutschland auch langsam auf eine französische Produktion umstellen würde? Ein gemeinsames Kampfjetprojekt namens FCAS besteht. Scheitert es, wäre auch eine deutsche Mitsprache beim französischen Atomschirm tot.
Merz und Macron haben deshalb noch einige Punkte zu regeln – und zwar vor den Präsidentschaftswahlen im April 2027.
(Stefan Brändle aus Paris, 2.3.2026)
Das U-Boot 'Le Temeraire' könnte im Ernstfall zum Einsatz kommen.
EPA/YOAN VALAT / POOL
Die Frage nach ihrem Verwendungszweck stellt sich heute mehr denn je: Die Russen drohen Europa mit Angriff, die Amerikaner mit Rückzug. Kann Frankreich, die einzige Atommacht der EU, in die Lücke springen? Das französische Schutzangebot ist an sich nicht neu: Der Proeuropäer Macron hat es schon mehrfach formuliert, zuletzt 2020. Die deutschen Regierungen – und um sie geht es aus Pariser Sicht vor allem – sind unter Angela Merkel und Olaf Scholz nicht darauf eingegangen. Der aktuelle Kanzler Friedrich Merz hat aber Mitte Februar an der Münchner Sicherheitskonferenz erstmals Gespräche mit den Franzosen über eine Ausdehnung des französischen Atomschirms bestätigt.
Europäische Atom-Dimension
Macron hat auf der Ile Longue klar geantwortet, was möglich ist – und was nicht. Der französische Präsident bestätigte, dass die "Force de Frappe" eine "europäische Dimension" habe. Sie ist für Paris heute fester Bestandteil der nationalen Außen- und damit auch Verteidigungspolitik.
Präsident Emmanuel Macron, Herr über Frankreichs Atombomben.
AFP/POOL/YOAN VALAT
Aber Macron weiß: Bei den Präsidentschaftswahlen 2027 könnte die Rechtspopulistin Marine Le Pen oder ihr Stellvertreter Jordan Bardella ins Elysée einziehen – und damit würde Frankreich jede europäische Sichtweise auf einen Schlag verlieren. Für die Rechte kommt es nicht infrage, die nukleare Abschreckung, integraler Bestandteil der nationalen Unabhängigkeit, mit europäischen Partnern zu teilen.
Atomwaffen überall
Macron machte deshalb klar, dass jede "Teilhabe" ausgeschlossen bleibe. Eine solche Mitsprache pflegen einzelne Nato-Länder wie Deutschland oder Italien: Sie liefern die Flugzeuge, die amerikanische, aber in Westeuropa gelagerte B61 Sprengköpfe in östliche Ziele bringen könnten. Macron erklärte, dass der französische Staatschef als Chef der französischen Armee weiterhin allein die Entscheidung über den Einsatz der Atomwaffen bewahre.
Zugleich aber bietet er den Europäern eine "fortgeschrittene Abschreckung" an. Dies bedeute, sagte er, dass europäische Truppen an den Übungen der französischen Atomwaffen-Einheiten teilnehmen könnten. Umgekehrt könnten solche französischen städtischen Truppen in anderen EU-Ländern stationiert werden.
Vor allem aber offeriert Frankreich die Möglichkeit, französische Atomsprengköpfe in ganz Europa zu stationieren. Dies habe zum Ziel, den Standort dieser Waffen noch besser vor dem Feind zu verheimlichen. Das wiederum diene der Abschreckung Frankreichs, aber auch anderer Staaten.
Nationalisten gegen das Teilen
Macron sagte weiter, der wesentliche Partner in diesen Bemühungen sei Deutschland. Weitere Länder hätten ihrerseits Interesse bekundet, von der Force de Frappe zu profitieren: Polen, die Niederlande, Belgien, Griechenland, Dänemark und Schweden.
Vorgemacht hatten solche Kooperationen paradoxerweise die Briten, die nicht mehr in der EU sind: Sie beteiligten sich Ende 2025 – auf Offizierststufe – erstmals an der französischen Truppenübung Poker, die einen Atomangriff simuliert. Zuvor hatten London und Paris im Northwood eine Kooperation im Bereich der Atomwaffen – über die Großbritannien ebenfalls verfügt – vereinbart.
Abzusehen ist, dass die französischen Nationalisten zur Rechten wie zur Linken gegen Macrons Ankündigungen auf die Barrikaden gehen werden. Sie monieren, dass Deutschland schon heute doppelt so hohe Verteidigungsausgaben wie Frankreich habe; 2030 würden sie sogar dreimal so hoch ausfallen. Sie verdächtigen Merz schon heute "hegemonialer" Absichten fast wie in Weltkriegszeiten.
Viel zu klären
Aber es gibt auch Gegenstimmen, die mehr Verständnis für die deutsche Position aufbringen. Von den Sozialisten bis zu den konservativen Republikanern würdigen de gemäßigteren Parteien die Erhöhung des deutschen Wehretats als Beitrag zur europäischen Sicherheit. Macron kann daraus ein Argument bauen: Denn die Force de Frappe ist nicht nur eine Frage der äußeren Sicherheit, sondern der finanziellen Möglichkeiten. Das Loch in der französischen Staatskasse verzögert aber die überfällige Erneuerung der U-Boote und Kampfjets, die Atomsprengkörper tragen.
Hier könnte die deutsche Seite eine Beitrag leisten. Die nukleare Teilhabe gibt es nicht umsonst. Auch die Amerikaner verlangen, dass die interessierten Europäer im Gegenzug zum Atomschirm ihre sündhaft teuren F35-Jets kaufen. Was, wenn Deutschland auch langsam auf eine französische Produktion umstellen würde? Ein gemeinsames Kampfjetprojekt namens FCAS besteht. Scheitert es, wäre auch eine deutsche Mitsprache beim französischen Atomschirm tot.
Merz und Macron haben deshalb noch einige Punkte zu regeln – und zwar vor den Präsidentschaftswahlen im April 2027.
(Stefan Brändle aus Paris, 2.3.2026)