Mittels Multispektralanalyse sollen antiker Karte des römischen Wegenetzes mehr Details entlockt werden

josef

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Tabula Peutingeriana
Neue Technik soll einzigartiger antiker Weltkarte ihre Geheimnisse entlocken
Die in Wien verwahrte Karte zeigt das römische Wegenetz von Iberien bis Indien. Die Multispektralanalyse macht Details sichtbar, die seit Jahrhunderten verborgen sind
Wie die Menschen vor zweitausend Jahren die Welt wahrnahmen, wenn sie auf ihren Schiffen das Mittelmeer befuhren oder den römischen Heerstraßen folgten, lässt sich
heute nur noch fragmentarisch und indirekt rekonstruieren. Das Bild, das man damals von der Umgebung hatte, ist aus den überlieferten Quellen nur schwer herauszulesen. Umso größer ist die Neugier der Forschung auf jene raren Dokumente, in denen sich antike Raumvorstellungen erhalten haben.

Dass die Erde eine Kugel sei, war in gebildeten Kreisen längst kein Geheimnis mehr. Schon Parmenides und die Pythagoreer argumentierten im fünften Jahrhundert v. Chr. für die sphärische Gestalt, Aristoteles lieferte physikalische Begründungen, und Eratosthenes bestimmte um 240 v. Chr. den Erdumfang mit erstaunlicher Genauigkeit.


Ausschnitt der insgesamt fast sieben Meter langen Tabula Peutingeriana aus der Faksimileausgabe von Konrad Miller (1887/1888). Das Original in der Österreichischen Nationalbibliothek soll nun mit modernster Bildgebungstechnik neu untersucht werden.
Konrad Miller

Antikes Weltwissen
Karten im heutigen Sinn sind aus dieser Zeit kaum erhalten. Was bleibt, sind Beschreibungen: die Periploi (antike Navigationshilfen) der Küstenfahrer, Strabons Geografie, vor allem Ptolemaios' im zweiten Jahrhundert verfasste Anleitung zur Kartenzeichnung, deren Koordinatenlisten die Kartografie des Mittelalters prägen sollten. Materielle Zeugnisse dagegen sind rar. Ein Fragment wie der Forma Urbis Romae, der monumentale Stadtplan aus severischer Zeit, zeigt eher, was verloren ging, als das, was überliefert wurde.

Einen einzigartigen Einblick in die Vorstellungen und Kenntnisse der antiken Welt liefert die sogenannte Tabula Peutingeriana. Sie ist die einzige großformatige Weltkarte aus der Antike, die bis heute erhalten blieb, wenn auch nicht im Original. Rund 6,80 Meter misst der schmale Pergamentstreifen in der Länge, gerade einmal 34 Zentimeter in der Höhe. Dieses ungewöhnliche Format zwingt der dargestellten Welt eine extreme Verzerrung auf. Küsten werden gestaucht, das Mittelmeer zu einem schmalen Band zusammengedrückt, Gebirge und Flüsse folgen keinen Maßstäben, sondern dem Lauf der Straßen. Das liegt daran, dass die Tabula zuallererst eine Straßenkarte war. Die Darstellung zeigt das römische Wegenetz von Iberien bis nach Indien, mit Stationen, Tagesetappen und Entfernungsangaben.

Karte in der Nationalbibliothek
Der Wiener Codex, seit 2007 Teil des UNESCO-Weltdokumentenerbes, ist eine um 1200 entstandene Kopie einer älteren Vorlage, deren letzte antike Überarbeitung auf etwa 435 datiert wird. Bis heute wird die Karte in der Österreichischen Nationalbibliothek verwahrt. Der Name geht auf den Augsburger Humanisten Konrad Peutinger zurück, in dessen Nachlass die Rolle im 16. Jahrhundert auftauchte. Für die Geschichte der Kartografie ist sie von kaum zu überschätzender Bedeutung, weil sie zeigt, wie in der Antike Raum wahrgenommen wurde.

Seit Jahren arbeitet der Lehrstuhl für Alte Geschichte der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt an dieser Karte. Zwischen 2017 und 2023 entstand im Rahmen eines Projekts der Deutschen Forschungsgemeinschaft DFG eine umfassende Online-Datenbank, die rund 3800 geografische Einträge kommentiert und einordnet. "Wir betrachten die Tabula Peutingeriana als Produkt eines viele Generationen umfassenden, kontinuierlichen Arbeitsprozesses, der im Hellenismus beginnt und in dem auch die Inhalte immer wieder verändert wurden", sagt Michael Rathmann, der das Vorhaben leitet.

Verblasst, übermalt, beschädigt
Nun fügen die Forschenden den bisherigen Untersuchungen eine weitere Ebene hinzu. Gemeinsam mit dem Centre for the Study of Manuscript Cultures der Universität Hamburg, das auf materialbasierte Handschriftenforschung spezialisiert ist, und mit Unterstützung der Österreichischen Nationalbibliothek setzt das Team um Rathmann, Philipp Köhner und Adrian Karmann auf sogenanntes Multi-Spectral-Imaging (MSI).

Dabei werden Aufnahmen des Pergaments in verschiedenen Wellenlängenbereichen angefertigt und digital so verarbeitet, dass Kontraste zwischen Tinten, Pigmenten und Materialschichten hervortreten. "Die Zusammenarbeit dieser unterschiedlichen Institutionen ermöglicht uns eine wirklich innovative Herangehensweise, denn gefordert sind sowohl technologische als auch konservatorische und historische Expertise", sagt Rathmann.


Michael Rathmann (rechts) und MSI-Spezialist Ivan Shevchuk (Universität Hamburg, links) betrachten Beschädigungen in einem Segment der Tabula Peutingeriana in der Österreichischen Nationalbibliothek.
Philipp Köhner

Das Team hofft damit, der einzigartigen Karte weitere Geheimnisse zu entlocken. Weite Partien der Karte sind verblasst, übermalt oder durch Alterung beschädigt. Die Multispektralanalyse soll verschwundene Schriftzeichen, übermalte Zeichnungen, Einstichlöcher des Zirkels und Hilfslinien wieder sichtbar machen. Besonderes Augenmerk gilt den Wasserflächen. Die grünen Kupferpigmente, mit denen Seen und Meere koloriert wurden, haben durch chemische Reaktionen viele Beschriftungen ausgelöscht. Gerade hier, wo das maritime Wissen der Antike festgehalten war, ist die Lesbarkeit am schlechtesten. "Dadurch können wir Details sichtbar machen, die uns bislang verborgen geblieben sind", erläutert Köhner.

Verlorene Insel
Wie vielversprechend das Verfahren ist, zeigten bereits erste Testaufnahmen, die 2022 in Kooperation mit der Universität Trier mit einer Hyperspektralkamera entstanden. Auf ihnen erschienen plötzlich die Umrisse einer Insel samt der Beschriftung Antiochia. Im Originalpergament war das Eiland längst nicht mehr erkennbar. Aufschlussreich war der Abgleich mit den frühen Abschriften: In der Wiedergabe von Marcus Welser aus dem Jahr 1598 ist die Insel noch verzeichnet, in jener von Franz Christoph von Scheyb aus dem Jahr 1753 fehlt sie.

Die neue Technik lässt sich auch als Überprüfung früherer Editoren verwenden. Welser, so viel deutet sich an, hat sorgfältig gearbeitet. Rund hundert seiner Einträge, die heute mit bloßem Auge nicht mehr zu erkennen sind, könnten sich auf diese Weise kontrollieren lassen, dazu hunderte unsicherer Lesungen von Ortsnamen und Einträgen. Selbst Passagen, die schon Welser vor über 400 Jahren nicht mehr sah, könnten mithilfe moderner Bildgebungstechnologien zurückkehren. "Die neuen MSI-Aufnahmen bieten uns die Chance, die Tabula Peutingeriana in vielen Aspekten ganz neu zu betrachten", sagt Köhner.
(tberg, 26.4.2026)

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Datenbank Tabula Peutingeriana
ÖNB: Die Tabula Peutingeriana
Neue Technik soll einzigartiger antiker Weltkarte ihre Geheimnisse entlocken
 
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