Petronell - Archäologiepark Carnuntum

josef

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#41
Bei Grabungen: Alte Keramikproduktion freigelegt
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Bei Ausgrabungsarbeiten für eine Trinkwasserleitung der EVN ist in Petronell (Bezirk Bruck an der Leitha) eine Keramikproduktionsstätte freigelegt worden. Datiert wurde der Fund durch Kurt Fiebig, Leiter der archäologischen Bauaufsicht, auf 100 bis 300 Jahre n. Chr.

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Angaben vom Freitag zufolge hat das Bundesdenkmalamt entschieden, die Entdeckungen an Ort und Stelle zu belassen, da der Boden den besten Schutz für Denkmäler biete. Die geplante Leitung wird nun um wenige Meter versetzt verlegt.

EVN-Vorstandsdirektor Stefan Stallinger zufolge wird in der Region eine neue Trinkwasserversorgungsleitung von der Naturfilteranlage Petronell Richtung Scharndorf verlegt. Nach dem Fund waren aber zunächst die Archäologen am Zug und am Wort. Wie Fiebig festhielt, handelt es sich bei der Entdeckung wahrscheinlich sogar um zwei Keramikproduktionsstätten, die nebeneinander gebaut wurden. „Das freiliegende Objekt zeigt noch den Brennraum. Daneben haben wir den Heizkanal gefunden, der die Arbeitsgrube mit dem Brennraum verbindet.“

Die Arbeitsstätte lag einst aufgrund von Lärm und Schmutz außerhalb der Stadtmauern. Pfostenstandspuren und Gräben deuten auf ein Gebäude hin, das als Trocken- und Lagerraum gedient hatte. Außerdem zeigen die erhaltenen Reste der Pfosten Ziegelfundamente, die laut EVN teilweise mit römischen Dachziegeln, den sogenannten Tegulae, gebaut wurden.
21.06.2024, red, noe.ORF.at/Agenturen

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#42
Archäologieblog
Palästina an der Donau
Überlegungen zur "Carnuntiner Leitkultur" in der römischen Kaiserzeit
Im Gastblog beschreibt der Archäologe Stefan Groh die Entwicklungen in Carnuntum, einer bedeutenden römischen Siedlung an der Donau, die durch ihre militärischen Einsätze im Nahen Osten stark von orientalischen Einflüssen geprägt wurde, was zu einer "Carnuntiner Leitkultur" führte, die von vielfältigen kulturellen und religiösen Einflüssen aus dem Osten geprägt war.
Wer kennt nicht den Archäologischen Park Carnuntum, wo Geschichte hautnah erlebt werden kann? Römische Wohnhäuser, römische Thermen, römische Alltagskultur und vor allem römische Soldaten und Gladiatoren vermitteln den Besucher:innen eindrucksvoll die Bedeutung der Siedlungsräume und militärischen Strukturen dieser etwa zehn Quadratkilometer großen archäologischen Zone. Die Präsentation der Funde und Befunde sowie die rekonstruierten Gebäude prägen Bilder einer Vergangenheit, die in den Köpfen der Besucher:innen bleibende Eindrücke hinterlassen mögen. Bilder, die so etwas wie eine "römische Leitkultur" transportieren sollen, um uns die Wurzeln unserer heutigen Kultur und die Entwicklungsstränge mitteleuropäischer Identitäten zu erklären. "Rom an der Donau" wird Carnuntum gerne genannt, die "Metropole" an der nördlichen Donaugrenze des römischen Reiches.

Carnuntum und die ersten Kontakte mit dem Osten
Um die Mitte des 1. Jahrhunderts n. Chr. wurde in Carnuntum die 15. Legion stationiert (legio XV Apollinaris) und sie baute ein erstes Legionslager. Römische Legionen waren etwa 6.000 Mann stark und das Rückgrat der Kriegsführung. Carnuntiner Soldaten wurden jedoch schon bald in den Osten geschickt, wo sie im Rahmen eines Donau-Expeditionskorps von 63 bis 71 n. Chr. an mehreren Kriegsschauplätzen und Legionsstandorten zu finden waren. Zuerst in Armenien, dann in Ägypten und ab 66 n. Chr. beteiligte sie sich an der Niederschlagung des sehr blutigen ersten jüdischen Aufstandes.


Grabstein eines Offiziers der 15. Legion aus Carnuntum mit der ältesten Darstellung eines östlichen Schuppenpanzers im mittleren Donauraum.
www.khm.at/de/object/52825/

Mit der Eingliederung der Provinz Judäa um 6 n. Chr. hatte sich in Palästina mit den Zeloten bereits eine Widerstandsbewegung gegen Rom etabliert, die immer wieder Unruhen und kriegerische Aufstände schürte. Im Jüdischen Krieg (66 bis 74 n. Chr.), als sich die Juden gegen staatliche und religiöse Unterdrückung durch Rom zur Wehr setzten, musste das römische Heer bis zu 60.000 Soldaten aufbieten, um die Kontrolle über das Provinzgebiet wiederherzustellen. Die Aufständischen legten Hinterhalte, gruben unterirdische Tunnel und verschanzten sich in Festungen. Dies zwang die römischen Truppen ihre Kampftaktiken anzupassen, indem sie die feindlichen Festungen mit Belagerungsringen, wie in Masada einkesselten oder gezielt mit Fernwaffen (Pfeilen, Katapulten) beschossen. Die Judäer mieden bewusst die von den Römern bevorzugte Schlacht auf freiem Feld und Roms Armeen verwüsteten in der Folge ganze Regionen.


Die Festung von Masada mit der Belagerungsrampe. Temporärer Lager mit spitzwinkeliger Ausrichtung der Front für die Belagerung von Masada und das Pendant eines Feldlagers der Carnuntiner Truppen im mittleren Donauraum sowie das Legionslager Carnuntum.https://pixabay.com/de/photos/masada-nationalpark-masada-7427144/; U. Schachinger, ÖAI/ÖAW, H. Sedlmayer, ÖAI/ÖAW

Im Zuge der Belagerungen entwickelte Rom einen speziellen Typ von Feldlagern, das sind temporäre Lager, in welchen die Soldaten stationiert wurden. Besaßen diese normalerweise ein rechteckiges Format und rechtwinkelig umschlagende Grabenwerke mit Wällen, so adaptierte man sie nun als Reaktion auf die Bewaffnung, Kampftaktik und Einheiten der gegnerischen Truppen. Man richtete die Front spitzwinkelig aus, die Lager bekamen die Form eines verzogenen Parallelogramms. Diese spitzwinkelige Ausrichtung der Front eines Lagers spiegelt die in einer Feldschlacht eingenommene schräge Aufstellung der Schlachtlinie wider, eine depugnatio obliqua, deren Vorteil man darin sah, dass eine unterschiedliche Distanz zu den Einschlägen der Schusswaffen des Feindes erzielt wurde.

So schreibt Publius Flavius Vegetius Renatus in seinem Handbuch der Militärkunde ("De re militari"): "Secunda depugnatio est obliqua, plurimis melior. (…) tunc tu sinistram alam tuam a dextra adversarii longius separabis, ne vel missibilia ad eam vel sagittae perveniant (Veg. mil. 3,20)."
"Die zweite Form der Kampflinie ist schräg angeordnet und sehr viel geeigneter. Dann wirst du deinen linken Flügel vom rechten Flügel des Gegners trennen, sodass weder die Geschosse noch die Pfeile ihn erreichen."

Übernahme von Kampftaktik und Lebenskultur
Interessanterweise übernahm die Carnuntiner Legion diese sehr spezielle Form der Feldlager, ja wandte sie sogar beim Umbau des Legionslagers in Carnuntum an, dessen Südfront schrägwinkelig von Südwesten nach Nordosten gezogen wurde. Der Bautyp wird in der Folge sogar zum fingerprint der Carnuntiner Legionen in ihren Feldzügen des 1. und 2. Jahrhunderts n. Chr. Die verlustreichen Einsätze hinterließen aber ihre Spuren, so wurde die Legion nach ihrer Rückkehr nach Carnuntum mit Rekruten aus dem Westen (aus der Region Köln) und vor allem aus dem Osten (Syrien) wiederaufgefüllt. Es gibt in dieser Zeit epigraphische Evidenzen aus Carnuntum für Zuwanderer (Händler) aus Judäa.


Grabstein des aus Judäa ("domo Judaeus") stammenden Händlers Fulvius (Museum Carnuntinum).
S. Groh, ÖAI/ÖAW

Rekruten und Zuwanderer brachten neben der Tracht auch ihre orientalischen Religionen mit sich, so gibt es in Carnuntum um 70/80 n. Chr. den ältesten Nachweis für den Mithras-Kult an der Donau. Schon gegen Ende des 1./Beginn des 2. Jahrhunderts baute man in den Canabae legionis, also der Siedlung vor den Mauern des Legionslagers, einen Tempelbezirk des Jupiter Heliopolitanus, dessen Mutterheiligtum in Baalbeck, heute im Libanon, gestanden hat. Dieser größte Tempelbezirk Carnuntums lag am Ostrand der Stadt und blickte in Richtung Naher Osten. Es ist bis dato der einzige Tempelbezirk für diese orientalische Gottheit nördlich der Alpen. Hinzu kommen Weiheältäre und Heiligtümer für Isis, Serapis und Jupiter Dolichenus. Zur selben Zeit fanden jedoch auch östliche Schutzwaffen wie die Schuppenpanzer und östlich Kampftechniken und Taktiken Eingang in das Repertoire der Truppe.

Die zahlreichen neuen Rekruten aus dem Nahen Osten und deren religiösen Vorstellungen sowie Lebensart änderten sicherlich die "Leitkultur" in Carnuntum. Waren doch die Soldaten mit ihrem Sold und ihren Familien die treibende Wirtschaftskraft der Region. Die Alltagskultur im und um das Legionslager in Carnuntum war somit ohne Zweifel zu einem guten Teil von people of color und deren orientalischen Glaubensvorstellungen sowie Lebenskultur geprägt, es entwickelte sich, zusammen mit den überwiegend autochthon boisch-keltisch geprägten Siedlern in der Zivilstadt, eine gesellschaftliche Superdiversität.

Im Osten nichts Neues
Auch die übrigen Carnuntiner Truppen und die Nachfolgelegion waren mit östlichen Kampftechniken vertraut. Die thrakische Hilfstruppe (ala I Thracum victrix) bestand aus mobilen Kavalleristen mit Speeren und Bogenschützen, wie sie vor allem bei den Kämpfen im Nahen Osten eingesetzt wurden. Sie stammten aus Thrakien, einer zwischen dem heutigen Bulgarien, Griechenland und Türkei gelegenen Region, die 46 n. Chr. eine Provinz des römischen Reiches wurde. Die Thraker waren berühmt für ihre kämpferische Geschicklichkeit sowie die hoch entwickelte Reiterei. Zu Beginn des 2. Jahrhunderts n. Chr. verließ dann die 15. Legion Carnuntum dauerhaft und wurde in Satala (heute Kappadokien, Türkei) stationiert. Als Nachfolgerin wurde die 14. Legion (legio XIV Gemina) nach Carnuntum geordert, wahrscheinlich kurz vor 120 n. Chr., die zuvor am Rhein in Mainz stationiert war. Sie brachte bei ihrer Ankunft noch ihre Rheinländischen Kulttraditionen mit, die sich zum Beispiel in der Aufstellung von Jupitersäulen im Heiligtum am Pfaffenberg manifestierten. Bald danach wurden jedoch auch Soldaten dieser Legion von Carnuntum nach Palästina geschickt, wo sie bei der Niederschlagung eines erneuten jüdischen Aufstandes, und zwar des nach ihrem Anführer so benannten Bar-Kochba-Aufstandes eingesetzt wurden.


Tetradrachme (Schekel) des Simon Bar Kochba, 134–135 n. Chr.: Vorderseite auf Hebräisch: ŠM'WN (Shimeon), Fassade des Tempels in Jerusalem mit achtstrahligem Stern; Hinterseite auf Hebräisch: LHRWT YRWŠLM (für die Freiheit von Jerusalem), Lulav-Bündel (Zweig von Dattelpalme) und Etrog-Frucht (Zitronatzitrone).
Münzkabinett, Kunsthistorisches Museum Wien, ID116517

Simon Bar-Kochba organisierte einen Guerilla-Krieg gegen die römische Besatzungsmacht. Von dieser ebenso blutigen jüdischen Revolte und den Kampfeinsätzen der Carnuntiner Legion sowie der Auxiliareinheit zeugen mehrere Münzen des Bar-Kochba – illegale Überprägungen römischer Münzen – die in Carnuntum gefunden wurden. Wie stark die östlichen Kampftechniken in Carnuntum eingebettet waren, zeigt sich in den Markomannenkriegen gegen die Germanen (172 und 178-180 n. Chr.), wo unter Carnuntiner Führung die östlich beeinflussten Taktiken im Einsatz spezifischer Waffen und Bau der Feldlager im großen Stil implementiert wurden.

Semitischer Höhepunkt der Superdiversität
Eine besondere Bedeutung kam der Carnuntiner Legion bei der Ernennung des Kaisers Septimius Severus am 9. April 193 n. Chr. zu. Er war in dieser Zeit Statthalter von Oberpannonien und die Donaulegionen akklamierten ihn in Carnuntum zum Kaiser. Aus Dankbarkeit für die Kaisertreue ließ Septimius Severus Silberdenare mit Insignien aller ihm gewogener Legionen prägen, die Carnuntiner wurden jedoch mit Goldaurei besonders geehrt. Septimius Severus war Afrikaner punischer Abstammung aus der im heutigen Libyen gelegenen Stadt Leptis Magna und sprach ein Latein mit starkem Akzent. Er heiratete 187 n. Chr. Julia Domna, die aus einer reichen syrischen Familie in Emesa (heute Homs, Syrien) stammte, ihr Vater war Oberpriester des Sonnengottes Elagabal.


Tafelbild der Familie des Septimius Severus mit seiner Frau Julia Domna und den Söhnen Caracalla und Geta (Gesicht eradiert), um 200 n. Chr., Ägypten (Staatliche Museen zu Berlin, Antikensammlung).
https://recherche.smb.museum/detail/681547/tondo-tafelbild-der-familie-des-septimius-severus

Septimius Severus investierte riesige Summen in die Repräsentation und den Ausbau von Carnuntum, so wurden die Zivilstadt zur Titularkolonie mit Stadtmauer erhöht und große öffentliche Thermen errichtet. Aber auch entlang der Bernsteinstraße und in Noricum ist ein umfangreiches Bauprogramm feststellbar. Der orientalische Einfluss machte vor dem Zentrum der militärischen Macht in Carnuntum nicht halt, so fand man im Stabsgebäude des Legionslagers eine severerzeitliche Panzerstatue mit Relief des Jupiter Heliopolitanus und eine weibliche Gewandstatue in syrisch-palmyrenischer Tracht mit einem Kind im Arm. Sie ist als mater castrorum, als Mutter des Lagers anzusprechen, ein Titel, den auch die Kaiserin Julia Domna ab 195/196 n. Chr. trug.


Panzerstatue mit einem Relief des Jupiter Heliopolitanus und die Gewandfigur einer Frau in orientalischem Habit (mater castrorum) aus dem Stabsgebäude des Legionslagers in Carnuntum.S. Groh, ÖAI/ÖAW
Die "Carnuntiner Leitkultur"
Die Carnuntiner Truppen wurden durch ihre Einsätze im Vorderen Orient, insbesondere in Syrien und Palästina, besonders geprägt. Die Einflüsse sind in der raschen Adaption "orientalischer" Waffen und Kampftaktik einerseits und in der hohen Akzeptanz und Übernahme orientalischer Lebenskultur und Religion andererseits bemerkbar. Eine beachtliche Zahl von Rekruten und auch Zuwanderern aus den östlichen Einsatzgebieten trug das Ihre dazu bei, dass ein bedeutender Teil der "Carnuntiner Leitkultur" vom ausgehenden 1. bis 3. Jahrhundert durch people of color mit orientalischen Gottesvorstellungen und östlichen Sprachen geprägt wurde.

Der weißhäutige mit Gladius bewaffnete Legionär mit italischer oder keltischer Frau, perfektem Latein und römischer Bildung, wie er durch Filme wie "Der Gladiator" oder "Reenactment Videos" suggeriert wird, war wohl nur ein Aspekt der Carnuntiner Superdiversität. Die Vermittlung des durch die antiken Quellen belegten, viel differenzierteren und bunteren Gesellschaftsbildes in den Präsentationen von Carnuntum ist ein Desiderat. Als Quintessenz des oben Ausgeführten ließe sich anhand der aus dem "Rom an der Donau" vorliegenden Evidenzen überspitzt ebenso gut vom "Palästina an der Donau" sprechen.
(Stefan Groh, 13.9.2024)

Stefan Groh ist Archäologe am Österreichischen Archäologischen Institut der Österreichischen Akademie der Wissenschaften in Wien. Seine Forschungsschwerpunkte liegen in Fragen zur römischen Urbanistik, zur Bernsteinstraße sowie zu ziviler und militärischer Infrastruktur in den römischen Provinzen. Seit 2008 werden von ihm zahlreiche Forschungsprojekte in Österreich, Ungarn, Frankreich, Slowenien und Italien durchgeführt.

Links
Österreichisches Archäologisches Institut der Österreichischen Akademie der Wissenschaften
Römerstadt Carnuntum

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Palästina an der Donau
 

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#43
Carnuntum
Römer verschenkten praktische Liebesbeweise
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Um das Herz einer Angebeteten zu erobern, nutzten die Römer nicht nur romantische, sondern auch praktische Liebesgeschenke. Besonders beliebt war verziertes Schreib- und Handwerkszeug, wie Forschende anhand von Funden in Carnuntum beschreiben.
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Wer im Römischen Reich einen Mann oder eine Frau umwerben wollte, der machte ihm oder ihr ein Geschenk, das einen praktischen Nutzen hatte. Steingriffel als Schreibwerkzeuge waren populär, auch Schwunggewichte für Handspindeln, sogenannte Spinnwirteln, wurden – ausgestattet mit leidenschaftlichen Botschaften – ausgetauscht.

Auf einer in Carnuntum gefundenen Spinnwirtel ist wenig subversiv eingraviert: „Venis Mea Domina“ – sinngemäß „Du kommst (zu mir), meine Herrin“ oder, je nach Betonung, auch als Bitte oder Aufforderung „Komm (zu mir), meine Herrin“ zu verstehen.
Die Anrede „Domina“ könnte, so vermutet die Archäologin Nisa Iduna Kirchengast, die in Carnuntum und an der Uni Wien forscht, auch metaphorisch für „Geliebte“ stehen. Zwar seien Männer und Frauen in antiken Beziehungen nicht gleichgestellt gewesen, doch Frauen hätten im Werben und Umworbensein durchaus prominente Rollen eingenommen.

Günther Thüry
„Venis Mea Domina“ ist am Rand der Spinnwirtel eingraviert

Phalli und Vulven als Glücksbringer
Prominent kommen weibliche Symbole auch in der Glücks- und Schutzsymbolik vor. Geschlechtsteilen wurde ein besonderer Schicksalseinfluss eingeräumt, zahlreiche Abbildungen von Phalli und Vulven auf Beschlägen und Kapseln zeigen, wie wichtig diese Symbole in der Antike waren und wie gerne sie getragen wurden. Im Krieg, aber auch im Alltag hätten sie als Glücksbringer gegolten, erklärt Kirchengast.

„Diese Darstellungen, die für uns vielleicht heute ein bisschen zu explizit sind, hatten in der Antike eine sehr positive Konnotation“, so die Archäologin. Dass neben Phalli auch Vulven als Glücksbringer gehandelt wurden, könnte als eine „fortschrittliche Offenheit“ interpretiert werden, meint die Expertin.

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Landessammlungen Niederösterreich
Eine Vulva galt genauso als Glücksbringer …
Landessammlungen Niederösterreich
… wie ein Phallus.

Im Spannungsfeld von Begehren und Affären
Diese Offenheit zieht sich auch durch andere Aspekte der Liebesgeschichten in Carnuntum. Zwar wurde nicht nur aus Liebe, sondern auch aus politischen oder finanziellen Gründen geheiratet, doch die Ehe erlaubte durchaus Spielräume. „Monogamie war schon das Ideal“, sagt Kirchengast, „aber es gab zumindest für manche ein bisschen mehr Freiheiten“.

Das öffnete die Türen für außereheliche Affären. Polyamorie sei häufig vorgekommen, meint die Forscherin. Allerdings hatten Männer dabei wohl mehr Freiheiten als Frauen, für die strengere Moralgrundsätze galten.


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Annia Maxima beklagt den Tod ihres „liebsten Mannes“ auf einem Grabstein in Carnuntum, 94 n. Chr.

Gleichgeschlechtliche Liebe kein Tabu
Kein Tabu war es, wenn Affären mit dem gleichen Geschlecht stattfanden, solange der Fortbestand der Nachkommen gesichert war. Homosexuelle Liebe wurde sogar auf Grabsteinen thematisiert und damit öffentlich, wie ein Grabstein aus Carnuntum zeigt. Darauf ist das Liebesbekenntnis eines Mannes für einen anderen Mann dokumentiert. Besonders pikant: Bei dem Liebespaar handelte es sich um einen Sklaven und seinen Herren.
Wie viele der 50.000 Einwohnerinnen und Einwohner Carnuntums Sklaven und wie viele freie Bürger waren, lässt sich heute kaum abschätzen. Liebesbeziehungen zwischen Sklaven und freien Menschen waren aber wohl keine Seltenheit, ist sich Kirchengast sicher. Welche Rolle Abhängigkeiten dabei spielten, lässt sich heute nicht mehr nachvollziehen.

Besonders emotional sind die Nachrufe, die auf Grabsteinen erhalten sind, aber auch an anderen Stellen. Die Bürgerin Annia Maxima stiftete zum Beispiel 94 n. Chr. ihrem verstorbenen Mann ein Denkmal. Bemerkenswert ist, dass sie neben den militärischen und handwerklichen Leistungen des Gatten auch ihre eigene Liebe in der Inschrift zum Ausdruck brachte. „Annia Maxima / viro suo cariss/imo posuit structo/ria asciam norma/m": Annia Maxima hat ihrem liebsten Mann den Grabstein setzen und als Bauwerkzeuge Hacke (ascia) und Winkelmaß (norma) hinzufügen lassen.“
14.02.2026, Tobias Mayr, ORF Wissen

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