Untersuchungen zeigen, von wo und wie die katastrophalen Pestepidemien des Mittelalters eingeschleppt wurden

josef

Administrator
Mitarbeiter
#1
Wie der Schwarze Tod den Weg nach Europa fand
Aktuelle Untersuchungen zeigen, wie die katastrophale Pestepidemie des Mittelalters eingeschleppt wurde
Das mittelalterliche Europa musste mit einer ganzen Menge an Krankheiten fertig werden: Während Typhus, Ruhr, Lepra oder Pocken jedoch im Allgemeinen meist nur lokal grassierten, sorgte ein Erreger im 14. Jahrhundert für eine kontinentale Katastrophe: Yersinia pestis, jener bakterielle Erreger, der für den sogenannten Schwarzen Tode verantwortlich war, kostete zwischen 1346 und 1353 etwa einem Drittel der europäischen Bevölkerung das Leben. Woher die Pest damals letztlich kam, ist mittlerweile klar: Sie dürfte aus Asien eingeschleppt worden sein.

Auf welchen Wegen diese Krankheit jedoch unseren Kontinent errecht hat und ob sie hier Nischen fand, aus denen sie immer wieder hervor trat, oder in den folgenden Jahrhunderten mehrmals aufs Neue aus dem Osten hereingetragen worden ist, war bisher dagegen weitgehend umstritten. Ein Team um Amine Namouchi von der Universität Oslo könnte auf Basis von Genuntersuchungen auf diese Fragen nun Antwortern gefunden haben.

Verräterische DNA
Diese lieferten mehrere Pesttote des 14. Jahrhunderts aus Südfrankreich, den Niederlanden, der Toskana und Oslo in Norwegen. Die Wissenschafter analysierten die DNA von Yersinia pestis aus diesen Opfern und verglichen sie mit anderen bereits früher untersuchten Pestfällen aus der Ära sowie mit über hundert bekannten Stämmen des Bakteriums. Darüber hinaus glichen die Forscher ihre Resultate mit zeitgenössischen Dokumenten ab. Das Ergebnis zeigte schließlich, dass der Schwarze Tod vermutlich mit dem Pelzhandel aus Russland und Zentralasien nach Europa gelangt war. "Im Verlauf der zweiten Hälfte des 14. Jahrhunderts spielten Bolgar und Nowgorod in Russland eine immer bedeutendere Rolle als Handelszentren für Pelze", berichten die Forscher. "Über die Hanse erhielt Nowgorod zu dieser Zeit Zugang zum westeuropäischen Markt. Dies führte dazu, dass große Mengen von Pelzen über die Häfen von Hamburg und Lübeck nach London verschifft wurden."

Neue Pelzhandelswege
Dies dürfte allerdings nicht der alleinige Weg der Pest nach Europa gewesen seine. Auch auf neuen Handelsrouten über Land via Sarai an der südlichen Wolga und der Krim-Hafenstadt Caffa am Schwarzen Meer gelangte der Erreger offenbar nach Europa. Diese neu etablierten Pelzhandelswege passen zumindest zeitlich gut mit dem Beginn der Pestepidemie des Mittelalters zusammen, berichten die Wissenschafter im Fachjournal "Pnas".

Die Genanalysen lieferten auch Hinweise darauf, wie sich die Pest im weiteren Verlauf ausgebreitet hat. Jene Stämme, die zunächst in Südfrankreich sowie in Oslo wüteten, forderten 1348 auch in London und Barcelona enorme Opferzahlen. Die Epidemie, die im niederländischen Bergen op Zoom einige Jahre später ihren Ausgang genommen hatte, dürfte dagegen auf eine spätere Yersinia-pestis-Variante zurückzuführen sein.
(tberg, 27.11.2018)

Abstract:
Pnas: "Integrative approach using Yersinia pestis genomes to revisit the historical landscape of plague during the Medieval Period."

Zum Thema:
- Der Schwarze Tod existiert bereits länger als gedacht
- Die Pest kam schon während der Steinzeit nach Europa
- Pesterreger: Genese eines Massenmörders in Schwarz

foto: pierart dou tielt
Der Schwarze Tod forderte im 14. Jahrhundert in Europa über 20 Millionen Opfer. Der Erreger Yersinia pestis dürfte durch den Pelzhandel aus dem Osten eingeschleppt worden sein.

Wie der Schwarze Tod den Weg nach Europa fand - derStandard.at
 

josef

Administrator
Mitarbeiter
#2
Die Pest könnte schon das neolithische Europa entvölkert haben
Forscher wiesen Yersinia-pestis-Bakterien in rund 5.000 Jahre alten menschlichen Überresten im heutigen Schweden nach.

Als im 14. Jahrhundert die Pest Europa heimsuchte, raffte die Seuche annähernd ein Drittel der Bevölkerung des Kontinents dahin. Mittlerweile weiß man, dass der dafür verantwortliche Erreger, Yersinia pestis, in dieser Region nicht das erste Mal derart radikal wütete. Bereits im sechsten und siebten Jahrhundert sorgte die Pest nicht nur im Mittelmeerraum für eine Pandemie, die annähernd apokalyptische Ausmaße annahm.

Aber auch diese sogenannte Justinianische Pest war offenbar nicht die erste Begegnung der europäischen Bevölkerung mit Yersinia pestis. Eine DNA-Studie vom November 2017 kam zu dem Schluss, dass der Erreger bereits am Übergang vom Neolithikum zur Bronzezeit in Europa präsent gewesen sein dürfte. Nun haben Forscher in den Gebeinen aus einer Grabstätte im heutigen Schweden eine Bestätigung dafür gefunden. Wie sich zeigte, hat eine genetisch sehr ursprüngliche Form des Bakteriums vor über 5.000 Jahren in Europa zahlreiche Todesopfer gefordert – womöglich sogar mit weitreichenden Folgen.

Unerwartet frühe Pestepidemie
"Die Pest geht wahrscheinlich auf einen der tödlichsten Erreger in der Geschichte der Menschheit zurück", sagt Simon Rasmussen von der Universität Kopenhagen. Der Genetiker und seine Kollegen identifizierten das Bakterium nun in den Überresten einer zum Zeitpunkt ihres Todes vor 4.900 Jahren rund 20-jährigen Frau in Nordeuropa. Die Umstände ihres frühen Ablebens sprechen nach der im Fachjournal "Cell" veröffentlichten Studie dafür, dass sich die Seuche tatsächlich schon im Neolithikum über Europa ausgebreitet hat.

Sollte dies der Fall gewesen sein, könnte es dabei helfen, das rätselhafte Verschwinden früher europäischer Bauern zu klären. Diese Bevölkerungsgruppe, die vor rund 9.000 Jahren begann, aus dem Nahen Osten nach Europa einzuwandern und sich als die heute bekannten Cucuteni-Kultur zu etablierte, verschwand praktisch über Nacht vor 5.400 Jahren.

Rätselhafter Bevölkerungsaustausch

Der Ausbau ihrer Siedlungen stoppte abrupt und letztlich bewiesen auch frühere genetische Untersuchungen ihr plötzliches Verschwinden. In weiterer Folge kam es, so belegen es die Erbgutanalysen, zu einem drastischen Bevölkerungsaustausch durch Menschen aus den zentralasiatischen Steppen, der vor etwa 4.500 Jahren mehr oder weniger abgeschlossen war. Was also hat der Cucuteni-Kultur davor dermaßen zugesetzt?

Rasmussen und seine Kollegen sind davon überzeugt, dass Yersinia pestis für den dramatischen Bevölkerungsschwund der Cucuteni-Kultur verantwortlich war. "Wir glauben, dass unsere Befunde das erklären würden", meinen die Forscher. Die Analysen der Erbanlagen sprechen dafür, dass der nun identifizierte Peststamm sich von einem noch ursprünglicheren Stamm vor 5.700 Jahren abgespalten hat und vor dieser Migrationswelle mutierte.

Die im nun vorliegenden Pestfall nachgewiesene genetische Veränderung dürfte Yersinia pestis nach Ansicht der Wissenschafter sehr gefährlich gemacht haben und letztlich zu einer Epidemie geführt haben, die vor mehr als 4.900 Jahren wohl zahlreiche europäische Siedlungen entvölkerte. Hinzu kommt, dass damals die ersten bevölkerungsreichen Großsiedlungen mit bis zu 20.000 Einwohnern entstanden sind, was es der Ausbreitung der Pest umso leichter gemacht hat. Wahrscheinlich kam der Erreger dann über frühe Handelsrouten auch zu kleineren Ansiedlungen, wie etwa jene, in der die junge Schwedin gelebt hatte. (tberg, 11.12.2018)
1544554162706.png
foto: karl-göran sjögren / university of gothenburg
Die 4.900 Jahre alten Überreste einer etwa 20-jährigen Toten lassen vermuten, dass die neolithische Bevölkerung Europas von einer Pestepidemie heimgesucht worden ist.

Die Pest könnte schon das neolithische Europa entvölkert haben - derStandard.at
 

josef

Administrator
Mitarbeiter
#3
Europa wurde von verschiedenen Stämmen der Pest heimgesucht

Auf den Spuren der Justinianischen Pest: Forscher untersuchten frühmittelalterliche Gräberfelder


foto: m. schweissing, snsb - staatssammlung für anthropologie und paläoanatomie münchen
Diese Schädel stammen aus einem frühmittelalterlichen Gräberfeld im schwäbischen Unterthürheim.
München – Unser Bild von den Pestwellen, die Europa im Verlauf der vergangenen zwei Jahrtausende immer wieder heimgesucht haben, konkretisiert sich stetig. Schon vor dem berühmt-berüchtigten Schwarzen Tod des 14. Jahrhunderts gab es Pandemien, die historisch als "Pest" bezeichnet werden, deren Auslöser aber zweifelhaft ist. So wird die sogenannte Antoninische Pest des 2. Jahrhunderts heute von Forschern mehrheitlich einem anderen Erreger als dem Pestbakterium Yersinia pestis zugeschrieben.

Die Justinianische Pest
Anders sieht es inzwischen mit der sogenannten Justinianischen Pest aus, die im Frühmittelalter umgezählte Todesopfer forderte. Diese Pandemie begann im Jahr 541 im Byzantinischen Reich, benannt ist sie nach dem damals regierenden Kaiser Justinian I. Die Krankheit suchte für nahezu 200 Jahre in mehreren Wellen Europa und den Mittelmeerraum heim, wie die Staatlichen Naturwissenschaftlichen Sammlungen Bayerns berichten.

Zeitzeugen hinterließen Berichte über das Ausmaß der Pandemie, die Schätzungen zufolge bis zu 25 Prozent der Bevölkerung des Mittelmeerraumes auslöschte. Auch zu dieser Pandemie waren verschiedene Hypothesen im Umlauf – bis hin zu einem hämorrhagischen Fieber ähnlich Ebola. Paläogenetische Studien an bajuwarischen Gräbern aus Aschheim und Altenerding in Bayern konnten in den letzten Jahren aber nachweisen, dass tatsächlich Yersinia pestis für die Pandemie verantwortlich war.

Bisher war nur diese eine Variante des Pestbakteriums aus dem frühmittelalterlichen Bayern bekannt, doch nun konnten weitere, bisher unbekannte Peststämme identifiziert werden, die vom 6. bis ins 8. Jahrhundert Europa heimsuchten. Die Untersuchung ihrer Verwandtschaft gibt Aufschluss über die Ausbreitung der Pest.

Neue Untersuchung
Ein internationales Forschungsteam unter Führung von Johannes Krause vom Max-Planck-Institut für Menschheitsgeschichte untersuchte menschliche Überreste aus Mehrfachbestattungen von 21 archäologischen Fundorten in fünf Ländern. Unter anderem wurden systematisch frühmittelalterliche Mehrfachbestattungen aus Bayern auf den Pesterreger hin untersucht. Die DNA des Pesterregers Yersinia pestis wurde in zwölf Individuen nachgewiesen, die in frühmittelalterlichen Gräberfeldern im Raum Bayern bestattet worden waren.

Dem Team gelang es zum ersten Mal, frühmittelalterliche Yersinia-pestis-Genome von außerhalb Bayerns – nämlich aus Großbritannien, Frankreich und Spanien – zu sequenzieren. Während historische Berichte eindeutig von Epidemien in den Mittelmeerländern wie Frankreich und Spanien berichten, galt es bislang als fraglich, ob es die Justinianische Pest auch bis nach Großbritannien geschafft hatte. Mit dem nun vorliegenden Nachweis des Pesterregers in einem angelsächsischen Gräberfeld in England (Edix Hill) dürften die langjährigen Spekulationen laut den Forschern beendet sein.

Ein Ursprung, mehrere Wellen
Die acht im Rahmen der Studie neu rekonstruierten Genome offenbarten eine bislang unbekannte Vielfalt von Pesterreger-Stämmen im Europa des 6. bis 8. Jahrhunderts. "Trotz der Vielfalt haben die Genome allerdings nur eine einzige gemeinsame Abstammungslinie. Dies deutet darauf hin, dass die Pest wohl nur einmal in den Mittelmeerraum bzw. nach Europa eingetragen wurde", sagt Studienautor Marcel Keller. "Sie hatte sich vermutlich in Nagetierpopulationen in Europa oder dem Nahen Osten festgesetzt und wurde von dort auch immer wieder auf den Menschen übertragen, wodurch es wiederholt zu Epidemien kam."
(red, 7. 6. 2019)

Abstract PNAS: "Ancient Yersinia pestis genomes from across Western Europe reveal early diversification during the First Pandemic (541–750)"
Europa wurde von verschiedenen Stämmen der Pest heimgesucht - derStandard.at
 

josef

Administrator
Mitarbeiter
#4
"Justinianische Pest": Verheerende Seuche oder doch nur eine kleine Krankheitswelle?
Die "Justinianische Pest" suchte im 6. Jahrhundert auch Österreich heim – aber wie schlimm war die Seuche tatsächlich? Historikerinnen und Historiker sind sich uneins über die wahren Ausmaße der Pandemie des frühen Mittelalters
"Während dieser Zeit gab es eine Seuche, durch die die ganze Menschheit beinahe vernichtet wurde. (…) Es ist unmöglich, eine Erklärung in Worten auszudrücken, außer es auf Gott zu beziehen. Denn (die Seuche) kam nicht nur in einem Teil der Welt auf noch über bestimmte Menschen, noch beschränkte sie sich auf irgendeine Jahreszeit (…). Sie umfasste die gesamte Welt und vernichtete das Leben aller Menschen, obwohl sie sich voneinander unterschieden, und berücksichtigte weder Geschlecht noch Alter."
So beschreibt als Augenzeuge der Historiker Prokop den Ausbruch einer Epidemie im Jahr 542 nach Christus in der oströmischen Hauptstadt Konstantinopel (dem heutigen Istanbul), der nach seinen Angaben die Hälfte der wohl 500.000 Einwohner zum Opfer fielen.
Sogar der damalige Kaiser Justinian I., nach dem die Forschung die Seuche heute benennt, erkrankte, erholte sich aber wieder. Eingeschleppt wurde die Krankheit, das weiß man heute, am Bosporus über die aus Ägypten eintreffende Getreideflotte. Auf den Handelsrouten zu Wasser und zu Lande verbreitete sie sich dann vom Mittelmeerraum bis hin nach Irland. Bis zur Mitte des 8. Jahrhunderts kehrte die Seuche in Wellen wieder und tötete unzählige Erkrankte.


Wunder des Hl. Sebastian in Rom während einer späteren Wiederkehr der justinianischen Pest im Jahr 680. Gemälde von Josse Lieferinxe.
Foto: Josse Lieferinxe, Gemeinfrei, Wikimedia Commons

Dem Erreger auf der Spur im Donauraum
Die Seuche traf offenbar auch den Donauraum. 2013 gelang an Skeletten im Gräberfeld von Aschheim, nördlich von München, die paläogenetische Identifizierung des Erregers. Somit wurde bestätigt, was man bislang vermutet hatte: Bei dem Erreger der sogenannten "Justinianischen Pest" handelte es sich um einen Stamm des Bakteriums Yersinia pestis. Dieses Bakterium war auch für die großen Epidemien des Spätmittelalters in Europa – den sogenannten "Schwarzen Tod" – und die Pandemie in Ostasien um 1900 verantwortlich. Unbehandelt betrug die Sterblichkeit bei erkrankten Personen 50 bis 60 Prozent; die Übertragung erfolgte durch den Stich infizierter Flöhe bei Kontakt mit von Flöhen befallenen Tieren wie beispielsweise Ratten, und Menschen.

Forscherinnen und Forscher konnten ebenso nachweisen, dass der Erreger aus dem 6. Jahrhundert genetisch mit Pestbakterien verwandt ist, die heute noch in Nagetierpopulationen im östlichen Zentralasien heimisch sind.


Das Bakterium Yersinia pestis unter dem Mikroskop.
Foto: A.Myasnikov, CC0, Wikimedia Commons

Eine klimatische Kaltzeit ab 536/540 bescherte dieser Region mehr Niederschläge, die die Vermehrung von Nagetieren, Flöhen und Bakterien begünstigten, was wiederum das Risiko für ein Überspringen auf den Menschen erhöhte. Von Zentralasien verbreitete sich die Krankheit Richtung Indien. Das römische Ägypten importierte von dort exotische Gewürze wie Pfeffer und Halbedelsteine wie Granat – und offenbar auch die Pest.


Karte der möglichen Ursprungsregion und Verbreitungswege der Pestepidemie des 6. Jahrhunderts n. Chr.
Foto: J. Preiser-Kapeller, ÖAW, 2020

Globalisierung und die Wirkung einer Epidemie damals und heute
Die frühe "Globalisierung" erleichterte also die weltweite Verbreitung der Seuche. Aber wie verheerend war ihre Wirkung tatsächlich? Können wir den bei Prokop und anderen Historikern der damaligen Zeit genannten Zahlen glauben, oder verbreiteten sie "Fake-News"? Darüber ist aufgrund eines kurz vor Weihnachten 2019 veröffentlichten Artikels von Lee Mordechai und seinem Team, die die Justinianische Pest als "inconsequential pandemic" bezeichnen, eine Debatte entbrannt. Auf der Grundlage einer statistischen Analyse der Frequenz von Papyri, Inschriften und Münzen, aber auch von Pollendaten bezweifeln die Historikerinnen und Historiker, dass die Seuche des 6. Jahrhunderts so wie der "Schwarze Tod" des Spätmittelalters 30 oder gar 50 Prozent der Bevölkerung das Leben kostete.

Andere Forscherinnen und Forscher erheben gegen dieses Szenario heftigen Widerspruch. Selbst wenn die Letalität der Seuche geringer war als angenommen, dann seien auch die sozialen, ökonomischen und psychologischen Folgen der Verunsicherung der Menschen und der Störung des normalen Alltags zu berücksichtigen. Letzteres Argument scheint angesichts der aktuellen Situation um das Coronavirus durchaus nachvollziehbar, wenn man noch dazu bedenkt, dass die Menschen des 6. Jahrhunderts über Ursache und Verbreitungswege der Krankheit völlig im Unklaren waren.
(Johannes Preiser-Kapeller, 20.3.2020)

Johannes Preiser-Kapeller ist Historiker am Institut für Mittelalterforschung der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW) und forscht zur Vernetzung und Umweltgeschichte der mittelalterlichen Welt. 2018 erschien sein Buch "Jenseits von Rom und Karl dem Großen".

"Justinianische Pest": Verheerende Seuche oder doch nur eine kleine Krankheitswelle? - derStandard.at
 

josef

Administrator
Mitarbeiter
#5
Zur "Fernhaltung der Pest" gab es Quarantänemaßnahmen ab Anfang des 17. Jahrhunderts an der Grenze zwischen dem Osmanischen Reich und Österreich-Ungarn

Quarantäne in der Monarchie: "Von zärtlichen Umarmungen keine Rede"
Zwischen dem Osmanischen Reich und Österreich-Ungarn gab es jahrhundertelang einen Cordon sanitaire, um die Pest fernzuhalten. Viele Maßnahmen erinnern an heute

Quarantäne gibt es nicht erst seit Covid-19.
Wölfl

Schon im alten, von Österreich-Ungarn annektierten Bosnien existierte so etwas.
Wölfl

Schon damals wurde "fleißig patrouilliert".
Wölfl

1588786561804.png
Bei der Einreise nach Bosnien-Herzegowina wird man heute auch ärztlich untersucht
Wölfl

Von weitem glänzen bereits die grünen Militärzelte in der Sonne, die hier in Izačić an der bosnisch-kroatischen Grenze aufgestellt wurden. Mit diesen Quarantänestationen will man verhindern, dass Gastarbeiter aus Mittel- und Westeuropa in Pandemiezeiten nach Hause nach Bosnien-Herzegowina reisen – mit dem Virus im Gepäck. Offiziell heißt es, dass alle, die herüberkommen, zwei Wochen in den Zelten bleiben müssen. So richtig streng wurde die Verordnung bisher aber nicht umgesetzt, doch die Idee, hier, am wohl schönsten Fluss der Welt, der Una, einen Cordon sanitaire zu errichten, ist jahrhundertealt.

Denn an der Una und der Save befand sich die Militärgrenze zwischen der Monarchie und dem Osmanischen Reich, eine Art lebender Wall, der auch dazu da war, das Eindringen der Pest zu verhindern. Anfang des 17. Jahrhunderts war vorgeschrieben, hier 84 Tage in Quarantäne zu verbleiben. Sogar wenn es sicher war, dass es zu dem Zeitpunkt gar keine Pest gab, musste man drei Wochen an der Grenze ausharren. Erst der Luxemburger Adam Chenot überzeugte die "Hofcommission in Sanitätssachen" in Wien im Jahr 1785, dass nur dann Maßnahmen notwendig seien, wenn die "orientalische Pest" ausbrach, wie man die Krankheit – ähnlich politisiert wie Trumps "chinesisches Virus" heute – damals nannte.

"Ohne Berühren"
Die "Hofcommission" unterstand direkt dem Kaiser, und der Hofkriegsrat musste die Ärzte bestellen, die in die sogenannten "Contumaz"-Häuser an der Grenze entsandt wurden. "Wer immer aus Bosnien und Servien, in was immer für Geschäften herüber kommt, oder weiter reisen will, muss sich der Quarantäne in einem Contumazhause unterwerfen. Nur bei den Contumazstationen ist der Eintritt aus der Türkey in unsere Länder gestattet, sonst an keinem anderen Grenzorte", beschreibt der ungarische Jurist und Ethnograf Johann von Csaplovics die Vorkehrungen. Das Wort Contumaz bedeutet übrigens so etwas wie "Trotz".

Der Ankömmling musste, "ohne Jemanden auf dieser Seite zu berühren", also nach dem Grenzübertritt, "schnurgerade in die Contumaz gehen". Menschen, aber auch Waren mussten je nachdem, wie die "Nachrichten der kaiserlichen Konsuln über den Gesundheitszustand der Türken lauten", oft wochenlang weggesperrt werden, um Ansteckungen zu verhindern. Die Behörden bespitzelten sogar die Reisenden. Und wenn sich "einiger Verdacht" ergab, dass eine Person mit "jenseitigen Untertanen eine heimliche Unterredung gepflogen oder aber sonst vermischt haben sollte", so musste nicht nur die Person, sondern alle mit ihr im Haushalt befindlichen anderen Leute in Contumaz gehen.

"In gehöriger Entfernung zu halten"
Die Regeln fürs Social Distancing waren im Kaiserreich streng: "Es dient ihnen daher zur Richtschnur, dass unter dem Worte Vermischung jede Berührung eines verdächtigen Körpers, der Kleidung oder sonst giftfangender Waaren verstanden werde, und sie sich demnach bey derley Begleitungen behutsam zu betragen, und von den bewachenden Personen, Thieren oder Waaren allezeit in gehöriger Entfernung zu halten haben." Falls es dennoch zu einer "Vermischung" gekommen sein sollte, musste das dem Contumaz-Direktor mitgeteilt werden und bei größerer "Erheblichkeit" sogar dem k. u. k. Hofkriegsrat, ist im "Militär-Ökonomie-System" der kaiserlich-königlichen Armee nachzulesen.

Große Contumazstationen gab es an der Grenze zu Serbien, etwa in "Semlin", dem heutigen Zemun, in Kroatien in Kostajnica sowie in Siebenbürgen und im Banat. "Der Hauptzweck der Contumaz-Anstalt ist die Hintanthaltung der Pestgefahr, welche aus inpestirten Ländern anher reisenden Menschen zu befürchten ist", hieß es. Durch das Contumazieren könne sich aber das Pestgift "aus seinem Körper mit der natürlichen Ausdünstung ohne Abbruch seiner Gesundheit wieder verziehen", erklärten die österreichischen Beamten damals, und zweitens bleibe die Krankheit innerhalb des Contumazhauses.

Vom Reinigungsdiener gut durchgeräuchert
Aber selbst wenn man sich in den kaiserlichen Quarantänestationen wieder erholt hatte, wurde man noch einer Reinigungsprozedur unterzogen und ins "Räucherungs- oder Visitirzimmer" geschickt, wo der ganze Körper und die Kleidungsstücke sowie alles Übrige ohne Unterschied "durch den exponierten Contumaz-Reinigungsdiener gut durchgeräuchert" wurde. Dazu verwendete man laut Paragraf 8253 ein Gemisch von zwei Teilen Schwefelsäure, einem Teil Salpetersäure und fünf Teilen Kleie.

Geregelt war auf gut Altösterreichisch auch das Ausmaß der Gemütlichkeit, die in solchen Quarantänestationen herrschen sollte. Es möge trotz der "genauesten und undurchbrechlichen Verschließungen" auch all jene "Bequemlichkeit vorhanden sein", die zur anständigen Verpflegung unentbehrlich sei, hieß es. Auch die Reinigungsdiener mussten "sich verschließen", also in Selbstisolation gehen, wie man heute sagen würde. Die "Contumazisten" durften keinen Besuch von "Geistlichen" oder Ärzten empfangen. Mediziner durften nur durch ein Gitter hindurch die Visitation vornehmen.

"Bescheiden, ehrliebend und der Trunkenheit nicht ergeben"
Weil die gesamte Angelegenheit als heikel betrachtet wurde, mussten auch die Hauptverantwortlichen, also die Contumaz-Direktoren, bestimmte moralische Standards erfüllen: "Der jeweilige Contumaz-Director muss ein bescheidener, ehrliebender, der Trunkenheit nicht ergebener Mann seyn, der dem wichtigen Amte, dem er vorgesetzt ist, mit allezeit gleicher Aufmerksamkeit und ununterbrochen obliegen muss", heißt es im Paragraf 8259. Natürlich war ihm auch verboten, irgendwelche Geschenke anzunehmen, vielmehr musste er "den Contumazirenden mit aller Liebe und Sorgfalt" begegnen und sollte sogar dafür sorgen, dass solches auch von den übrigen Beamten beobachtet werde, eine Art Antikorruptionsmaßnahme also.

Sollte sich jedoch ein Contumazist "ungebührend betragen", so sei er freundschaftlich zu warnen, wenn das nichts fruchten sollte, sei er jedoch "gehörig zu bestrafen". Besonders streng war man gegenüber jenen, die trotz Verbots die Grenze überquerten. Csaplovics schreibt: "Will jemand, besonders zur Pestzeit, mit aller Gewalt herüber, der wird, wenn er auf die Mahnung umzukehren nicht achtet, ohne weiters erschossen."

Eine Pfeife nach der anderen
Andererseits zeigte Csaplovics Verständnis für die, die schon lange ausharren mussten, etwa dass die "Eingesperrten, wenn sie an die 20 Tage lang in einem Fort in der Contumaz temporisiren müssen, ein wenig lange Weile haben mögen". Über ihr Sozialverhalten schreibt er: "Sie fügen sich dann in ihr Schicksal und schmauchen eine Pfeife nach der andern in philosophischer Ruhe."

Wer aus der Monarchie nach Bosnien reiste und bei der Rückkehr nicht in Quarantäne wollte, musste einen "Mauthaufseher" mitnehmen, "welcher bezeugen soll, dass der Reisende nicht mit den 'Muselmännern' in Berührung kam". "Von zärtlichen Umarmungen kann hier demnach keine Rede sein, und wer davon ein grosser Freund ist, der bleibe lieber auf dem linken Saveufer", philosophierte Csaplovics.

Pestpatent 1719
Besonders eingehend hat sich der bosnische Historiker und Diplomat Boro Bronza aus Banja Luka mit den "Österreichischen Maßnahmen zur Verhütung und Bekämpfung der Pestepidemie entlang der Grenze zum Osmanischen Reich im 18. Jahrhundert" auseinandergesetzt, die ihn in vielem an die heutige Situation erinnern, wie er dem STANDARD erzählt. "Eigentlich müssen wir Menschen immer die gleichen Lektionen lernen, wenn es zu Infektionen kommt: Abstand halten und isolieren." Die österreichische Politik war vor 300 Jahren aber insgesamt von den Pestausbrüchen stark bestimmt.

Bereits unter der Herrschaft von Leopold I. (1658–1705) wurden alle Formen von Verkehr mit dem Osmanischen Reich während der Epidemie unterbrochen. Das Pestpatent von 1719 erinnert daran. 1718 wurde die Sanitätshofkommission gegründet, der Cordon sanitaire 1728 unter Karl IV. geschaffen. Ab 1731 galt die "Contumaz- und respective Reinigungs-Ordnung", in der festgelegt wurde, dass sich in jeder Quarantänestation ein Leutnant und 30 berittene Männer, drei Wachen und ein Doktor befinden mussten.

4.000 Menschen beschäftigt
Wegen der Kriege konnte aber erst 1763 ein durchgehendes System geschaffen werden. Erst danach wurden die sanitären Standards so erhöht, dass die Pest aus Österreich-Ungarn verschwand. Die Zentralen der Sanitätskommission befanden sich in Karlovac, Zagreb, Osijek, Timisoara und Sibiu. Lazarette waren in Rudenovac, Slunj, Maljevac, Kostajnica und Brod. Rehab-Zentren befanden sich in Gradiška, Kobaš und Mitrovica. Auf 1.900 Kilometern Länge der Militärgrenze waren 4.000 Menschen beschäftigt. Wenn die Pest ausbrach, wurden sogar bis zu 11.000 Menschen für den Cordon sanitaire eingesetzt. Österreichische Spione informierten die Behörden in Wien, als es etwa im Jahr 1733 und 1734 in Bihać und in Banja Luka zum Ausbruch der Pest kam.
Auch damals war effektive Prävention bereits ein Anlass für Politiker, die Überlegenheit ihrer Systeme hervorzustreichen. Weil die Pestepidemie zwar in Österreich-Ungarn beendet werden konnte, aber im Osmanischen Reich, in Russland, Polen, der Walachei, Moldau und Venedig bis 1785 weit verbreitet war, galt dies als Beweis dafür, dass die Monarchie überlegen war, schreibt Bronza. In Wien wurden die Maßnahmen als "Rettung ganz Europas" zelebriert.

"Auf das fleisigste patroulliret"
Dabei waren die Contumaz-Häuser keine architektonischen Vorzeigemodelle. Sie sollten auch "blos zur wohlfahrt, und sicherheit des landes anzusehen" sein, "also auch hieran weiter keine Zierd erforderlich sein", schrieb der damalige örtliche Verwaltungschef – genannt Ban – im Jahr 1743 in Valpovo. Besonders wichtig war die Quarantänestation in Kostajnica, wo noch heute die alte Befestigungsanlage zu sehen ist und damals "auf das fleisigste patroulliret" wurde.

Die Osmanen waren ziemlich erstaunt darüber, dass die Maßnahmen so streng waren: Sogar ein türkischer Aga, also ein militärischer Würdenträger, musste 21 Tage ins Contumaz-Haus, weil er er einen Brief an einen General hinüberbringen wollte.

Heute, in Covid-19-Zeiten, darf man sich von feschen bosnischen Soldaten ins Zelt begleiten lassen und muss sich danach einer ärztlichen Untersuchung unterziehen. Dann darf man hinein nach Bosnien.
(Adelheid Wölfl, 6.5.2020)
Quarantäne in der Monarchie: "Von zärtlichen Umarmungen keine Rede" - derStandard.at
 

josef

Administrator
Mitarbeiter
#6
Regionale historische Seuchenbekämpfung im niederösterreichischen Mostviertel,
gefunden in der NÖN-Ausgabe Amstetten:

„Dürre Krot“ gegen Pest
Die Region Amstetten wurde im Laufe der Geschichte immer wieder von Seuchen heimgesucht, die viele Opfer forderten. Bekämpft wurden sie oft mit ungeeigneten Mitteln.
Von Hermann Knapp. Erstellt am 10. Mai 2020

Pestärzte trugen Masken, deren Schnäbel mit Duftstoffen gefüllt waren. Diese sollten vor Ansteckung schützen.
Shutterstock-channarong-phern

Ardagger war im Bezirk lange Zeit der Hotspot der Ausbreitung des Coronavirus. Die Gemeinde wurde aber schon in früherer Zeit von Seuchen heimgesucht.

In den Jahren 1679 bis 1680 wütete dort etwa die Pest. Die Mittel, die zur Bekämpfung des „Schwarzen Todes“ eingesetzt wurden, waren oft wenig hilfreich. „So empfahl etwa Wolf Helmhard von Hohberg, der auf Schloss Rohrbach bei Haag ansässige Autor des damals weitverbreiten Hausbuches „Georgica Curiosa“ (von 1682), allen Ernstes:
„Nimm ein dürre Krot und hänge sie über die Haus-Thür. Oder nimm die Beer und Gipffel von Wacholdern, sieds in einem grossen Kessel mit Wasser und bespreng das Haus täglich zwey oder dreymal, so treibt es allen bösen Dunst aus dem Hause.“

Sinnvoller ist da aus heutiger Sicht schon die „kaiserliche Infectionsordnung“ vom Jänner 1679, in der der verängstigen Bevölkerung zur Reinlichkeit geraten wird, da die „Erfahrenheit mit sich bringt, daß die Sauberkeit ein sonderbar nützliches und notwendiges Mittel ist, die Einreißung der Infection zu verhüten.“
Befohlen wird auch, weder „Blut, Eingeweit, Kopf und Bein von abgetödten Vieh oder anderen Unflat“ auf öffentlichen Plätzen auszugießen und auch keine toten Hunde, Katzen oder Hühner auf die Gasse zu werfen. 1680 gab es im Markt Ardagger übrigens auch schon einen „Erlaß“, keine Fremden und Durchreisenden mehr einzulassen.

Wirklich gewütet hat die Pest in Ardagger in den Jahren 1712/13. Die Kirchenmatrik registrierte 1713 170 Verstorbene. Allein in den Monaten August und September gab es 84 Opfer.

Kirtag wegen Pest auf Kollmitzberg verlegt
Übrigens: Dass der Kollmitzberger Kirtag ebendort stattfindet, ist auch der Pest geschuldet. Seine Wurzeln reichen bis ins 13. Jahrhundert zurück. Damals fand er noch im Ardagger Stift statt und dauerte zwei Monate. Weil in den niedriger gelegenen Regionen jedoch die Pest wütete und der Kollmitzberg davon verschont blieb, wurde der Kirtag dorthin verlegt.

Natürlich wurden aber auch viele andere Gemeinden im Bezirk von der Pest heimgesucht.
1697 starben etwa in Neu-stadtl 46 Personen an der Seuche, in St. Peter in der Au wurden 1697 und auch 1713 ganze Höfe ausgerottet. In Strengberg forderte die Pest 1684/85 300 Tote. In Weistrach starben 1697 und 1730 60 Menschen.
Aber auch andere Krankheiten forderten im Bezirk viele Opfer.

In Euratsfeld raffte laut Schulchronik in den Jahren 1879 bis 1884 eine Diphtherie-Epidemie etwa 200 Kinder dahin.
In Biberbach brach 1772 eine Seuche aus, die man Faulfieber nannte – wahrscheinlich handelte es sich um Typhus. 70 Menschen starben.

1918 wütete auch im Bezirk die spanische Grippe. Ein Beispiel: Am 8. Oktober war in Strengberg die Hochzeit der Eheleute Perndl, Nöslbauer. Danach verbreitete sich die Epidemie explosionsartig. Am 10. Oktober gab es im Ort schon 100 Kranke. 20 Menschen starben.

DIE QUELLEN
Entnommen sind die Daten dem Band „Der Niederösterreichische Bezirk Amstetten und seine Gemeinden“ (Hrsg. Heimo Cerny u. a.), der Geschichts-Chronik von Ardagger (Heimo Cerny u. a.), der Chronik von Ulmerfeld-Hausmening (von Gerhard Smekal) und der „Heimatgeschichte Amstettens“ von Leopoldine Pelzl, veröffentlicht in den Amstettner Beiträgen. Besonderer Dank gilt dem Amstettner Stadtarchiv und Josef Plaimer für die Unterstützung.
„Dürre Krot“ gegen Pest
 

josef

Administrator
Mitarbeiter
#7
Nach Ausbruch der Pestepedemie 1679 begann eine lange Flucht der kaiserlichen Familie (Kaiser Leopold I und Kaiserin Eleonore Magdalena) vom Wiener Hof:

Wie eine Kaiserin die Große Pest erlebte
1679 brach in Wien eine Pestepidemie aus. Anhand von Briefen der Kaiserin Eleonore Magdalena lässt sich die lange Flucht der kaiserlichen Familie vor der Seuche nachvollziehen
Als in den letzten Wochen Wienerinnen und Wiener Kerzen und Gebete an der Dreifaltigkeitssäule am Graben in Wien deponierten, griffen sie damit auf die Erinnerung an die letzte wirklich große Pestepidemie zurück, die die Stadt 1679 heimsuchte. Um die Krankheit zu bannen, hatte Kaiser Leopold I. die Errichtung einer solchen Säule gelobt – schon im Sommer 1680 wurde eine erste, noch in Holz ausgeführte Fassung eingeweiht. Allerdings fehlten Kaiser und Kaiserin bei der Weihe, denn die kaiserliche Familie hatte zum Schutz vor Ansteckung im August 1679 die Stadt verlassen.

Die Pestsäule am Wiener Graben in der Corona-Zeit.
Foto: APA/HELMUT FOHRINGER

Odyssee durch die Erblande
Kaiserin Eleonore Magdalena, seit Ende 1676 die Ehefrau Leopolds I., korrespondierte während dieser Zeit regelmäßig mit ihrem Vater, Herzog Philipp Wilhelm von Pfalz-Neuburg. Zwar berichtete sie vom Unterwegssein – das Kaiserpaar reiste mit dem gerade einjährigen Erzherzog Joseph zuerst nach Mariazell, um dort die Gottesmutter um Beistand gegen die Seuche anzuflehen. Da sich die Situation in Wien jedoch noch nicht veränderte, reiste man dann nach Böhmen weiter, wo sich der kaiserliche Hof mehrere Monate in Prag aufhielt. Das Kaiserpaar wechselte von dort mehrfach nach Brandýs nad Labem, einer beliebten Jagdresidenz.

Dorthin zog man sich im Mai 1680 dann zunächst zurück, als sich die Situation in Prag zuspitzte – auch dort forderte die Pest nun mehr und mehr Opfer. Nach kurzem Aufenthalt reiste die kaiserliche Familie auf der Suche nach einem sicheren Ort nach Pardubice an der Elbe weiter. Das dortige Schloss war freilich sehr klein und für die beträchtliche Zahl des Gefolges und der Dienerschaft der Herrscherfamilie kaum ausreichend. Nach einigen Wochen ging es schließlich in einer etwa zweiwöchigen Reise nach Linz, wo der kaiserliche Hof noch bis Anfang 1681 blieb. Eleonore Magdalena brachte am 13. Dezember 1680 in Linz ihr drittes Kind, Erzherzogin Maria Elisabeth, zur Welt.


Eleonore Magdalene von Pfalz-Neuburg im Porträt.
Kunsthistorisches Museum Wien, Gemeinfrei, Wikimedia Commons

"Haben entlich wegen der krankheit von Prag weichen müeßen"
Lässt sich der Reise- oder vielmehr Fluchtweg des kaiserlichen Hofes aus den Briefen der Kaiserin erschließen, so spielte die Pest selbst, die "Krankheit", wie es in den Texten heißt, lange kaum eine Rolle. Eleonore Magdalena berichtete ihrem Vater von verschiedensten Dingen: von den vielfältigen Bemühungen um die Wahl ihres jüngeren Bruders Alexander Sigmund zum Bischof von Augsburg sowie vom Fortgang der Überlegungen, ihren Vater als Statthalter in den Spanischen Niederlanden einzusetzen, aber auch von Weinlieferungen und der Musikbegeisterung des kleinen Erzherzogs. Von einer Bedrohung durch die Pest ist zunächst wenig zu lesen.

Dies änderte sich erst im Frühsommer 1680, als das Aufflammen der Seuche in Prag die kaiserliche Familie erneut zur Flucht zwang. So teilte die Kaiserin am 25. Mai 1680 ihrem Vater mit: "Haben entlich wegen der krankheit von Prag weichen müeßen, werden hier noch ein 8 dag verbleiben, darnach auf Pardoviz, dorten ein weill bleiben undt zue sehn, ob es villeicht widerumb möchte beßer werden. Gott gebe nuhr das mihr die 8 dag bleiben konnen, dan heut ein hatschier daran erkent worden, welcher zwar würklich nit hier, sondern in einen dorf nit weit. Ich hoff aber es sey niks der beschreibung nach, das es der mensch nit recht verst[e]hat, der in visitirt hatt."

Derweil spitzte sich aber die Lage in Prag eher weiter zu, wie die Kaiserin eine Woche später berichtete: "Übermorgen werden mihr unser reis auf Pardowiz vortsezen, da es leider alleweil schlimer wirt zue Prag vndt hier auch schon ettlige krankh worden seint, der liebe Gott wolle es beßeren."

Kaiserlicher "Lockdown"
Zwar gab es auch auf der Reise durchaus noch höfische Belustigungen, wie etwa einen Zwischenstopp auf dem kaiserlichen Gestüt in Kladruby oder eine Gänsejagd in den Elbwiesen. Aber deutlich wird doch, dass der Schwebezustand, der Umstand, dass der kaiserliche Hof "wegen der übelen krankheit selbsten noch kein bleibende statt gehabt", der Kaiserin naheging. Nach ihrer Ankunft in Linz in der zweiten Julihälfte 1680 war sie erleichtert, dass auf der Reise niemand krank geworden war. Eine lange besprochene Reise nach Regensburg, bei der sie ihren Vater treffen wollte, wurde jedoch immer unwahrscheinlicher, zumal es in Linz den Verdacht gab, dass ein junges Mädchen aus dem Umfeld des kaiserlichen Hofstaates an der Pest gestorben sei.

Anfang August bestand deshalb die Gefahr, dass das Kaiserpaar auch die Zuflucht in Linz bald würde verlassen müssen: "Gottlob [ist] zwar bis dato weiters niks erfolcht, Gott gebe weiters sein gnadt. Dieses veruhrsacht doch das man in villen sachen nit vort kann kommen, dan, das Gott vohr sey, wan es weiter solt kommen, mihr gahr balt wekh müesten, dan hier gahr ein enger ort ist, durften nit so lang warten, als [wir] zue Wien undt zue Prag gedahn haben."

Zwar waren die Kaiserin und ihre direkte Umgebung von der Pest zweifellos nicht in gleichem Maße bedroht wie die Masse der einfachen Bevölkerung. Die große Zahl von Toten in Wien 1679, die fast alle aus dem Hof fernstehenden Kreisen und den ärmeren Schichten stammten, hinterließ bei Eleonore Magdalena offensichtlich weniger Eindruck als der Umstand, dass in Prag 1680 auch adlige Kreise von der Seuche direkt betroffen waren. Das vergleichsweise unstete Leben des kaiserlichen Hofes, der sich mehrfach durch räumliche Distanz in (relative) Sicherheit brachte, vermittelte dessen ungeachtet auch der Kaiserin ein Gefühl von Unsicherheit.

Und das letzte Zitat legt nahe, dass ein Aspekt von Ausgangsbeschränkungen und Kontaktbegrenzungen, der uns mittlerweile durchaus vertraut ist, auch für die Kaiserin eine Belastung darstellte: der Umstand, dass man "in villen sachen nit vort kann". Für sie waren das Verhandlungen über die Besetzung von Bistümern, ihre Korrespondenzen und Überlegungen zur Reise ihres Vaters nach Wien, also zweifellos andere Handlungsfelder. Als Beschränkung und Gefährdung ihrer Handlungsfähigkeit wurde die Seuchenzeit aber offensichtlich auch von Eleonore Magdalena wahrgenommen. (Katrin Keller, 26.5.2020)

Katrin Keller ist Direktorin des Instituts für die Erforschung der Habsburgermonarchie und des Balkanraums der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW) und korrespondierendes Mitglied der ÖAW.

Wie eine Kaiserin die Große Pest erlebte - derStandard.at
 

josef

Administrator
Mitarbeiter
#8
Wenn Kometen Unheil bringen
In der Frühen Neuzeit hielt man Kometen für Vorboten und Ursachen von Krankheiten und Unglück – dagegen halfen nur drastische Maßnahmen
Wenn zur aktuellen Corona-Pandemie verschiedene Verschwörungstheorien über 5G, Bill Gates oder die WHO kursieren, fügt sich dies in eine lange Tradition von Erklärungsversuchen für Katastrophen und Krankheiten ein. In der Frühen Neuzeit hielt sich etwa die Vorstellung, "Pestilenzen" und anderes Unheil würden durch Kometen angekündigt beziehungsweise ausgelöst. Als im Winter 1680/81 kurz nach einer verheerenden Pestepidemie einer der spektakulärsten bislang von Menschen beobachteten Kometen am Himmel erschien, führte dies mancherorts zu drastischen Maßnahmen, mit denen man das kommende Unheil abzuwenden versuchte.


Nürnberg zur Kometenerscheinung von 1680/81.
Foto: Germanisches Nationalmuseum Nürnberg, CC BY NC ND

Tiefe Einschnitte in den Alltag der Menschen
In Regensburg wurde etwa wegen eines Kometen am 30. Dezember 1680 per Ratsdekret angeordnet, "alles sündige Wesen ungesamt abzulegen", im Speziellen die "höchstschädliche Kleiderpracht", "Winkeltänz", "Mummerey" (Maskerade) und "das unanständige Schlittenfahren". Andernorts reichten die Maßnahmen sogar noch weiter. In Lübeck wurde der 10. Februar 1681 zum Buß- und Bettag erklärt, wobei bußfertige Handlungen über mehrere Tage hinweg bis ins Detail geplant wurden. Wann die Kirchenglocken zu läuten hätten, wurde genauso vorgegeben wie die anzusprechenden Bibelstellen und die Menge der Predigten, die man zu halten hatte. Man musste das Orgelspiel einstellen, Bußlieder singen und Bußgebete sprechen. Troels Arnkiel, der Pastor einer nahe gelegenen Stadt, gab an, dass am 10. Februar "bey wilkührlicher Straffe" auch "alle KleiderPracht" in Lübeck verboten gewesen sei, ebenso das Öffnen der Tore, das Ausschenken von Bier sowie Essen und Trinken generell. Ein Pfarrer in Torgau berichtete, dass auch in Wien wegen des Kometen eine Verordnung ergangen sei, die bei "hoher Leib= und Lebens=Straffe" alle "üppige Lust" verboten habe. Eine derartige Verordnung konnte allerdings nicht aufgefunden werden.

Von göttlichen Zeichen und giftigen Dämpfen
Derlei durch Kometenerscheinungen bedingte Einschnitte in den Alltag der Menschen waren zwar relativ selten, aber nicht neu. Seit der Antike war die Vorstellung verbreitet, Kometen seien von den Göttern beziehungsweise von Gott gesandte Wunderzeichen. Als Teil der Schöpfung dienten sie vor allem dazu, die Menschen zur Buße für sündhaftes Verhalten zu ermahnen und vor künftigen Strafen zu warnen. Diese Annahme wurde auch durch Theorien gestützt, die dafür sprachen, dass Kometen dieses Unheil auf physikalische Weise bewirkten. Man berief sich auf Autoritäten wie Aristoteles, der in seiner "Meteorologica" Kometen als atmosphärische Phänomene beschrieb. Man glaubte, dass von den Kometen giftige Dämpfe ausgingen, die bei Mensch und Tier Krankheiten auslösten und Ernten vernichteten.


Frontispiz eines Kometentraktats von Pierre Petit.
Foto: Bayerische Staatsbibliothek München, Res/4 Astr.p. 522,26, Frontispiz.

Kritik an der Deutung von Kometenerscheinungen
Um 1680 war Kritik an den negativen Deutungen von Kometen rar gesät. Wichtige Denker wie Tycho de Brahe oder Michael Mästlin hatten zwar schon Ende des 16. Jahrhunderts berechnet, dass Kometen jenseits des Mondes (supralunar) stünden, was die Vorstellung der Anhänger der Lehren des Aristoteles widerlegte. Um 1680 wurde dies aber keineswegs von allen als wahr und richtig akzeptiert. Auch Edmond Halleys Berechnung, dass der später nach ihm benannte Komet wiederkehren würde, bestätigte sich erst 1759. So spekulierte man bis weit ins 18. Jahrhundert, ob Kometen nun eigentlich feste oder doch gasförmige Körper seien, welchen Bahnen sie folgten und ob sie tatsächlich giftige Dämpfe mit sich brächten.


Titelblatt der Kometenflugschrift von Catharina Margaretha Fritzsche.
Foto: Universitätsbibliothek Erlangen-Nürnberg, 4 TREW.R 447/488.

Auch gegen die Interpretation als göttliche Wunderzeichen wurde vermehrt argumentiert. Denker wie Pierre Petit oder Pierre Bayle hoben hervor, dass dies nicht in der Bibel erwähnt wird und nicht nach jedem Kometen ein Unglück geschehe. Aber auch weniger prominente Stimmen brachten neue Argumente ein. Catharina Margaretha Fritzsche, eine Leipziger Verlegerin, erkannte, dass die Vorstellung, Kometen brächten Unglück, schlicht menschengemacht ist, indem sie darauf verwies, "daß solche signa […] nur auß Menschen Gedancken und Tichten [Dichtungen] herkommen/ und nicht bey allen Völckern einerley Figur oder Nahmen haben/ […] und sehr wunderlich herauß kommen würde/ wenn einer nach solchen von ietzigen Cometen eine Bedeutung wolte herauß pressen."
(Doris Gruber, 30.6.2020)

Doris Gruber ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für die Erforschung der Habsburgermonarchie und des Balkanraumes der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW). Ihre Monographie "Frühneuzeitlicher Wissenswandel. Kometenerscheinungen in der Druckpublizistik des Heiligen Römischen Reiches" entstand mit Unterstützung der Gerda-Henkel-Stiftung (Düsseldorf) und erschien im März 2020 im Verlag Edition Lumière.

Wenn Kometen Unheil bringen - derStandard.at
 
Oben