Wien: Führungen in zwei stillgelegte ABC-Bunkeranlagen

josef

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#1
Neue Führung in unbekannte ABC-Bunker
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Wiens Unterwelt kann man nicht nur aus der Perspektive des „Dritten Manns“ betrachten. Es gibt auch eine Unterwelt, in der Menschen einen Atomschlag überleben hätten sollen. Der Verein „Unter Wien“ bietet jetzt Führungen in zwei stillgelegte ABC-Bunkeranlagen an.
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Die Bunker sollten Menschen vor den Folgen atomarer, biologischer und chemischer (ABC-)Waffen schützen. Der Einsatz solcher Waffen war während des Kalten Krieges durchaus für möglich gehalten worden. Seit Jahrzehnten außer Betrieb können nun zwei dieser Bunker im Rahmen der „Tour K“ im 3. Bezirk besichtigt werden. Der Verein „Unter Wien“ erforscht und dokumentiert unterirdische Bauten und bietet diese und andere Touren durch Wiens Unterwelt an.

Ihren Anfang nimmt die „Tour K“ in einem Parkhaus, von dem aus es in einen Bunker geht, der Platz für 1.200 Menschen geboten hätte. Allerdings anders als im Zweiten Weltkrieg nicht für alle Menschen, sondern nur für Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter von Behörden. Das sei auch der Grund, warum diese Anlagen kaum jemand kenne und sie auch nicht im Internet zu finden seien, wie Vereinsvorstand Lukas Arnold betonte.,3

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Unter Wien
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Nuklearduschen und eine Rolle Klopapier
Im Unterschied zu Weltkriegsbunkern betritt man den ABC-Bunker durch eine Schleuse mit Dekontaminationsduschen bzw. Nuklearduschen. Die Menschen hätten sich eine Minute lang duschen müssen, weil davon auszugehen gewesen wäre, dass sie bereits kontaminiert seien, so Arnold. Erst dann wäre es weiter in das Innere des Bunkers gegangen. Und noch ein Unterschied zu Weltkriegsbunkern: Niemand hätte den Bunker nach einigen Stunden wieder verlassen. Der Aufenthalt war auf 14 Tage ausgelegt.

14 Tage in beengten Verhältnissen unter der Erde, während oben vielleicht ABC-Kampfstoffe die Stadt verwüstet hätten. Für jeden Einzelnen lag für diese Zeit im Bunker eine Minimalausstattung bereit: ein Jogginganzug, eine (!) Rolle Klopapier, ein Betttuch, eine Decke sowie Suppenteller und Häferln aus Plastik. Aus Plastik deswegen, um die Verletzungsgefahr zu verringern, falls jemand in der Bunkeratmosphäre ausrastet.

Tour führt durch zwei Bunker
Der für 14 Tage anberaumte Aufenthalt im Bunker machte natürlich auch eine entsprechende Ausstattung des Bunkers notwendig. Bei der Führung gibt es Einblicke in einen medizinischen Behandlungsraum, in eine Küche, in einen Lagerraum für Nahrungsmittel und Trinkwasser. In einem Schlafraum stehen Stockbetten, in Aufenthaltsräumen einfache Holzbänke mit Rückenlehnen. Neben einem Bunker für 1.200 Menschen führt die Tour auch noch in einen kleineren Bunker, der für 240 Menschen ausgelegt war.
11.04.2026, red, wien.ORF.at

Weitere Infos:
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Unter Wien

Neue Führung in unbekannte ABC-Bunker
 

josef

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#2
Nukleare Bedrohung
Per Zeitkapsel durch den Wiener Atombunker
Unter einem Amtsgebäude in der Hauptstadt ist die Zeit eingefroren: "Unter Wien" bietet Touren in einen geheimen Schutzbunker aus der Ära der atomaren Bedrohung

Zeuge (fast) vergessener Zeiten: Eine Schaufensterpuppe mit Gasmaske und Schutzanzug im unterirdischen Atomschutzbunker.
Florian Sulzer

Fünf Meter unter der Erde sollte der Stuhlgang kontrolliert sein. Denn die Rolle Klopapier ist nur einlagig. Und sie muss für 14 Tage reichen. "Wenn du zwei Wochen lang nur Suppe kriegst", sagt Lukas Arnold, "dann geht sich das vielleicht sogar aus."

Was sich sonst noch ausgehen sollte: Ein Trainingsanzug, eine Matratzenauflage, ein Teller und ein Häferl pro Nase. Ausgehen müssen hat sich die Ration tatsächlich aber nie. Denn die Vorräte wurden zwar vor langer Zeit ambitioniert angelegt – aber niemals angerührt. Und das ist in diesem Fall besonders erfreulich.

Auserwählte Menschen
Die Relikte einer Ära liegen nämlich in einem unterirdischen Atomschutzbunker im Wiener Bezirk Landstraße. Der mit schwerem Stahlbeton, Schleusen und Kontaminationsduschen geschützte Keller ist längst nicht mehr funktionsfähig. Aber es gab eine Zeit, da lagen Orte wie dieser im Trend. "Im Kalten Krieg war der Schutz gegen die atomare Bedrohung ein ziemliches Thema", sagt Arnold. Geholfen hätte das im Ernstfall allerdings nur wenigen. Denn angelegt wurde der Bunker im dritten Bezirk nur für eine kleine Zahl sehr auserwählter Menschen.


Stockbetten, drei Etagen: Überleben ist nicht immer komfortabel.
Florian Sulzer

1242 Personen hätten im mehrere Räume umfassenden Hauptteil des Schutzkellers Platz gefunden, noch exklusivere 228 in der angrenzenden zweiten Anlage. "Wir gehen davon aus, dass dieser Teil für Leute mit speziellen Schlüsselfähigkeiten bestimmt war", sagt Arnold, der mit seinem Projekt "Unter Wien" Führungen in diverse Bunker und Keller der Hauptstadt organisiert. Der ABC-Bunker (Schutz vor atomaren, biologischen und chemischen Waffen, Anm.) in Wien-Landstraße ist neu im Portfolio – seine Existenz war auch Arnold selbst bis vor wenigen Jahren gar nicht bekannt. Grundsätzlich gebaut wurde er ausschließlich für Angestellte von Behörden.

Back to the 80s
Zum Innenleben des Schutzraums lässt sich sagen: Nicht nur wer jüngst das ORF-Serien-Sequel Braunschlag 1986 verfolgt hat, wird zurück in die atomar geprägten Achtzigerjahre katapultiert. Auch, wer eine Bunkertour mit Lukas Arnold bucht. Im Funkraum: Telefone mit Wählscheiben vor Schreibtischsesseln aus orangem Plastik. In den Schlafräumen: dreilagige Stockbetten, daneben Garderoben mit integrierten Holzbänken wie aus einem Volksschul-Turnsaal. Alles in allem: fleischgewordene Kindheitserinnerungen für Millennials und alle jahrgangsmäßig aufwärts. Nur ohne die Kontaminationsduschen natürlich.


Suppenvorräte für zwei Wochen: So lange hätte der Bunker seinen Insassen Schutz bieten sollen.
Florian Sulzer

In denen hätte man im Ernstfall vor Betreten des Bunkers duschen müssen, sagt Arnold. 60 Sekunden lang. Kalt. Warum das? "Bei warmem Wasser öffnen sich die Poren", erklärt er. Naheliegend, dass das eher kontraproduktiv wäre, wenn man sich radioaktive Partikel von der Haut abwaschen, statt in sie einreiben will.

Stille Armee
Wer im schummrigen Neonlicht den Eingangsbereich betritt, wittert aber womöglich andere Gefahren. Im Halbdunkel erschrickt man nämlich leicht vor der schweigsamen Armee an Schaufensterpuppen mit schweren Gasmasken und dicken Schutzanzügen. "Die grünen sind von der Bundeswehr, die orangen aus der DDR", sagt Arnold.


Leichtes Gruseln ist im Preis der Tour enthalten: Schaufensterpuppen mit Gasmasken und schweren Schutzanzügen.
Florian Sulzer

Denn nicht jedes einzelne Detail, das im Mitte der 1980er fertiggestellten Bunker zu sehen ist, war auch einmal für den Bunker bestimmt. "Man soll bei der Tour auch Gefühl für das Thema und neues Wissen bekommen", sagt Arnold. Dass er die Führung nicht penibelst-dokumentarisch und dafür staubtrocken gestalten will, sei ihm schon klar gewesen, als er mit dem Projekt begann.

In Einzelteilen
Und das ist jetzt doch schon ein paar Jahre her. Denn die von Arnold gegründete Organisation "Unter Wien", die auch Führungen in einem Weltkriegsbunker und in gründerzeitlichen Katakomben anbietet, ist ein gemeinnütziger Verein. Arnold selbst machte bis vor Kurzem alles ehrenamtlich – neben einem Vollzeit-Brotjob. Fragen aus seinem Umfeld, warum er sich das eigentlich antue, sind für den heute 27-Jährigen also eine langjährige Konstante.

Denn Führungen in einem verlassenen Atombunker zu organisieren, bedeutet nicht nur unzählige Gespräche und ausufernden Schriftverkehr mit Wiener Magistratsabteilungen. Sondern auch viele Monate an unbezahlten Arbeitsstunden zwischen kalten Betonwänden und Transportfahrten mit Kombis von Freunden und Verwandten. Als Arnold den Atombunker "übernahm", war er nämlich völlig leer. "Ich glaube, die Duschen und zwei Pissoirs waren noch drin", sagt er. Anderes Mobiliar, das Besucherinnen und Besucher heute zu sehen bekommen, ist zwar Atomschutzbunker-Originalausstattung aus Wien-Landstraße – aber aus einem anderen Bunker.


Zeitgeschichte-Fan Lukas Arnold in seinem Element: im Atomschutzbunker unter Wien.
Florian Sulzer

Auch unter einem anderen Amtsgebäude im dritten Bezirk gibt es nämlich einen nicht mehr funktionsfähigen Atomschutzkeller. Und der war noch nicht leer geräumt, als Arnold auf ihn stieß. Die Erlaubnis für Führungen erhielt er aber nur im anderen Objekt. Also schraubten Arnold und seine freiwilligen Helfer das Mobiliar von Bunker zwei Stück für Stück auseinander, transportierten es in Einzelteilen durch den Bezirk – und bauten es in Bunker eins in monatelanger Kleinstarbeit wieder auf. "Ein bissl einen Schuss muss man dafür natürlich schon haben", sagt Arnold lachend.

Bert, die Schildkröte
Arnolds Anspruch an seine Führungen ist aber, nicht nur ein Erlebnis, sondern auch Aufklärung zu bieten. Deshalb sind in einem Schaukasten im Bunker etwa die Vorräte ausgestellt, die der Zivilschutzverband allen Haushalten empfiehlt. Lebensmittel. Kurbelradio. Eine Notkochstelle.


Bert die Schildkröte hat es nicht nur per Video zum Tour-Abschluss in den Bunker geschafft – sondern auch als Plüschtier.
Florian Sulzer

Und auch kurze historische Videos sind Teil der Tour. Eines über den verheerenden US-Atombombentest beim Bikini-Atoll Mitte der Fünfziger-Jahre. Und zum etwas leichtfüßigeren Abschluss: Das Aufklärungsvideo "Duck and Cover" („Ducken und sich bedecken“) mit Bert the Turtle. Die Schildkröte Bert wurde 1951 von der US-Zivilverteidigungsbehörde erfunden, um Kindern in der Kalten-Kriegs-Ära Schutzmaßnahmen bei der Explosion von Atombomben näherzubringen.

"Ducken und in Deckung gehen"
In Looney-Tunes-Ästhetik und begleitet von Gesang zeigt der Animationsfilm, wie Bert sich bei Explosionen eilig unter seinem Schildkrötenpanzer versteckt. "Erinnert euch immer daran, was Bert tut", sagt danach eine Off-Stimme. "Denn wir alle müssen dasselbe tun. Uns ducken und in Deckung gehen."

Mit dem heutigen Wissen über die Langzeit-Auswirkungen nuklearer Kontamination muten die Tipps der Schildkröte freilich eher skurril an. Die darüber vielleicht aufkommende Frage, was man, so als Einzelperson, im Falle einer Atomexplosion tatsächlich tun könnte, dürfte Besucherinnen und Besucher auch an eine unbequeme Wahrheit erinnern: Nichts gegen Verhaltenstipps, Schutzräume und Kontaminationsduschen. Aber es wäre dann doch um einiges besser, wenn der Atomkrieg gar nicht erst ausbräche.
(Martin Tschiderer, 5.5.2026)
Per Zeitkapsel durch den Wiener Atombunker
 
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