ein Grazer Tabuthema - das Lager Liebenau

S

Senator74

Guest
#21
Man schämt sich für diese Gräueltaten, auch als Nachkriegsgeborener, der damals nichts verhindern oder ändern hätte können.
Unsere Aufgabe lautet: Wehret den Anfängen neonazistischen Gedankengutes und ebensolcher Aktionen.
 

Geist

Worte im Dunkel
Mitarbeiter
#22
Veranstaltungshinweis zum Lager Liebenau: Siehe "Runder Tisch" zum "Lager Liebenau" - Ludwig-Boltzmann Institut für Kriegsfolgen-Forschung

„Runder Tisch“ zum „Lager Liebenau“

Am 16. Jänner 2019 findet im Rahmen der Ausstellung zum „Lager Liebenau“ im GrazMuseum eine Kuratorenführung und ein Runder Tisch zum Thema „Bodenfundstätte Lager Liebenau“ statt.

Kuratorenführung: 17:30 Uhr, GrazMuseum

Runder Tisch: 18:30 Uhr, GrazMuseum

Mit Beiträgen von: Gerald Fuchs (Archäologe), Eva Steigberger (Österreichisches Bundesdenkmalamt) und Claudia Theune (Universität Wien)

Moderation: Barbara Stelzl-Marx (Zeithistorikerin und Kuratorin)

Ort: GrazMuseum, Sackstraße 18, Graz

Keine Anmeldung erforderlich, der Eintritt ist frei.
 

josef

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#24
Graz baut Wohnungen auf historisch belastetem Areal eines NS-Lagers


foto: argis/possert
In den Bunkeranlagen des ehemaligen NS-Lagers Liebenau sind auch antisemitische Karikaturen entdeckt worden. Die Fundstellen wurden aber allesamt wieder zugeschüttet und betoniert.

Unter dem ehemaligen NS-Lager in einem Grazer Wohnbezirk werden noch verscharrte Opfer vermutet. Jetzt baut Graz dort Wohnungen. Die Bauabteilung ist in Sorge, "Knochen und organische Reste " zu finden.
Seine Mühe, das jahrelange Engagement im Sinn der Aufklärung schienen vergebens gewesen zu sein: Alle Ausgrabungen sind mittlerweile wieder dem Erdboden gleichgemacht worden, sämtliche gefundenen Objekte und Baudokumente wie Graffiti in den NS-Bunkeranlagen, die dieses finstere Kapitel der Grazer Geschichte sichtbar gemacht hatten, wieder mit Beton versiegelt.

"Es hat den Anschein, dass wir nie die Wahrheit erfahren werden", bedauert der Grazer Arzt Rainer Possert. Er meint jene Wahrheit, die unter der Erde dieses Areals des ehemals größten NS-Zwangsarbeiterlagers im Grazer Wohnbezirk Liebenau liegt.
Diese könnte aber, anders als von Possert befürchtet, tatsächlich demnächst im Zuge eines Bauprojekts – auf dem Lagergelände sollen 60 Wohnungen entstehen – zumindest teilweise ans Licht kommen.

Der Mediziner, der in diesem Viertel ordinierte und aufgrund zahlreicher Erzählungen seiner Patienten historische Nachforschungen betrieb, geht davon aus – was mittlerweile auch das Bundesdenkmalamt nicht ausschließt -, dass dort noch hunderte Opfer aus der NS-Zeit vergraben sein könnten. An diesem Donnerstag soll bei einer von der "Gedenkinitiative Graz Liebenau – Lokalgruppe Mauthausen-Komitee" organisierten Feier am "Grünanger" der Opfer gedacht werden.

Nach ersten Grabungen, die aufgrund des Murkraftwerks notwendig geworden waren, wurden vor Monaten Fundamente, Stollengänge und Bunker des Lagers offengelegt – und wieder planiert. Nichts erinnert mehr an jene Monate des Kriegsjahrs 1945, in denen das Lager auch als Organisationszentrale für den Todesmarsch tausender ungarischer Jüdinnen und Juden diente.

"Wozu graben?"
7000 bis 9000 Menschen wurden von hier aus Richtung Mauthausen getrieben, hunderte starben an Krankheiten oder Erschöpfung noch im Lager oder wurden ermordet und – so die Vermutung – in Bombentrichtern verscharrt. Die schwarz-blaue Stadtregierung reagierte auf Forderungen, dieses historische Gelände doch endlich archäologisch zu untersuchen, meist nur kurz angebunden. "Wozu graben?", hieß es, es seien bloß "bisher haltlose, völlig unbegründete Spekulationen eines Arztes".

In der Magistratsabteilung Wohnen Graz sieht man das mittlerweile gänzlich anders. "Wir müssen mit allem rechnen", sagt der für das Wohnbauprojekt zuständige Leiter des Baumanagements, Herbert Rauscher, im Gespräch mit dem Standard.

Die zwei- und dreigeschoßigen Bauten würden allerdings nicht unterkellert. Es sei mit weitläufigen "Kriechgängen" aus dem Krieg zu rechnen, die wolle man nicht zerstören. Um Tiefbaumaßnahmen (Kanal- und Leitungsbau) komme man aber nicht herum. "Da sind wir aufs Schlimmste vorbereitet", sagt Rauscher. Das Gelände sei mit Bombenkratern übersät, "da ist nicht ausgeschlossen, dass wir womöglich Körperteile finden, die noch rasch vor Schließung des Lagers verscharrt worden sind. Das sind natürlich nur Vermutungen. Wenn wir aber Knochen oder organische Reste finden, wird die Baustelle sofort versiegelt, das Ministerium benachrichtigt und das Bundesdenkmalamt eingeschaltet."

"Sind in größter Sorge"
Bisher sei bei Vorarbeiten nichts gefunden worden. "Wir sind natürlich in größter Sorge, vor allem wenn es Knochenfunde gibt, das macht uns am meisten nervös", sagt Rauscher. Seine Abteilung habe jedenfalls ein archäologisches Unternehmen engagiert, das den Bau begleite. Was Rauscher nicht sagt: Etwaige Funde hätten natürlich weitreichende Konsequenzen. Denn abseits des Wohnbauprojekts liegen auch ein Kindergarten, das Jugendzentrum und Gemeinde-Tennisplätze in "Verdachtszonen" für Bombentrichter.
(Walter Müller, 4.4.2019)
Graz baut Wohnungen auf historisch belastetem Areal eines NS-Lagers - derStandard.at
 

josef

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#26
Grazer Spuren der Grausamkeiten
Auf dem Areal des ehemaligen NS-Lagers im Grazer Wohnbezirk Liebenau wurden jetzt Habseligkeiten von Opfern entdeckt. Es werden Massengräber befürchtet

Auch Reste von Zahnbürsten wurden von den Archäologen dokumentiert.
Foto: Argis

Im Boden des ehemaligen Lagers Liebenau wurden jetzt auch Alltagsgegenstände wie Kämme aus Kunststoff und Horn gefunden.
Foto: Argis

Bei Grabungsarbeiten für ein Denkmal entdeckt: Ledersohlen von Kinder- und Erwachsenenschuhen.
Foto: Argis

Er hatte offenbar doch recht. Der Grazer Arzt und mittlerweile passionierte Historiker Rainer Possert vermutet seit Jahren – aufgrund entsprechender Erzählungen alter Patienten–, dass unter dem Areal des ehemaligen NS-Lagers im Wohnbezirk Liebenau noch hunderte Opfer begraben liegen könnten. Neue brisante Funde von Archäologen und aufgetauchte Protokolle von Überlebenden könnten Posserts Befürchtungen nun bewahrheiten.

Bei Grabungsarbeiten für die Errichtung einer Lager-Gedenktafel entdeckten Archäologen jetzt große Mengen von Resten persönlichen Gegenstände ehemaliger Lagerinsassen: Kämme, Ledersohlen von Kinder- und Erwachsenenschuhen, Spielsachen und bunte Schmucksteine waren darunter.

1945, knapp vor Kriegsende, wurden die Todesmärsche der rund 8000 ungarischen Juden nach Mauthausen vom Grazer Lager in Liebenau aus organisiert. "Der Verbleib vieler Opfer", sagt Possert, der mittlerweile auch von den offiziellen Stellen in die historische Aufarbeitung miteingebunden wurde, "ist tatsächlich ungeklärt".

Aber gerade weil auf dem Gedenkort Sozialwohnungen errichtet werden sollen, wäre es "allein aus Gründen des Anstandes geboten, zumindest dort nach Opfern zu suchen", sagt Possert im Gespräch mit dem STANDARD.

"Er erschoss ein Kind"
Er unterstreicht seine Forderung mit einem von ihm kürzlich entdeckten Protokoll einer 1945 im "Landesbüro von Deportierten" in Budapest aufgenommenen Aussage eines Lager-Überlebenden. Dieser erinnerte sich: "Wir kamen in das Lager Liebenau. Das war ein Todesgeschäft. Die SS brachte die Juden um. Man sagte, aus diesem Lager kommt man nur als Leiche heraus. Es gab dort Häftlinge aller möglichen Nationalitäten, aber von denen waren wir Juden vollständig getrennt, und es war streng verboten, mit ihnen Kontakt zu haben. Nachts, ganz geheim, gingen wir doch zu ihnen, und sie gaben uns immer etwas, denn wir waren in schrecklichem Zustand. Sie bekamen auch im Lager bessere Verpflegung als wir. Einmal passierte es, dass ein SS seine Uhr hervornahm und sagte: ‚In fünf Minuten gibt es hier eine Leiche. Wenn du in fünf Minuten keine Leichengrube schaufeln kannst, gibt es zwei Leichen.‘ Wir haben die Grube ausgehoben und dann, vor unseren Augen, erschoss er ein verrücktes, polnisches Kind. Ein Schwerkranker wurde von einem SS erschossen, und wir mussten ihn begraben."

Leichen im Müll
Sie seien "ganze Tage" beschäftigt gewesen, Leichen zu exhumieren und sie "von einem Ort an den anderen" zu schaffen. "Das Ganze hatte überhaupt keinen Sinn. Es kann sein, dass sie die Spuren ihrer Grausamkeiten verwischen wollten. Wenn sie den Leichengeruch nicht mehr ertrugen, mussten wir die Müllgruben entleeren und mit dem Müll die Bombenkrater auffüllen."

Possert befürchtet nun, dass die notwendigen Grabungen vor allem an den Stellen der alten Bombentrichter wieder gestoppt werden. Ihm sei signalisiert worden, dass das Geld für weitere Explorationen aufgrund der Corona-Krise fehle. Kulturamtsleiter Michael Grossmann sagt dem STANDARD, die Stadt sei weiterhin "sehr interessiert", die Sache aufzuklären.

"Natürlich stehen wir jetzt vor einer neuen Finanzsituation. Es ist aber nach wie vor der Plan, das Areal genau zu untersuchen und Verdachtsflächen festzulegen. Sollten dann tatsächlich Leichenteile gefunden werden, wird das Innenministerium eingeschalten und das Grundstück gesichert", sagt Grossmann.

Wohnbauprojekt am Lagergelände
Nach Abschluss aller Untersuchungen, in die auch das Bundesdenkmalamt federführend eingebunden ist, könnte das Gebiet "letztlich wieder freigegeben werden". Dann stünde dem Sozialwohnungsprojekt auf dem Lagergelände "im Grund nichts mehr im Wege". Die Nutzung alter Lagerareale für andere Nutzungen "ist an und für sich nicht ungewöhnlich", argumentiert Grossmann.
(Walter Müller, 28.5.2020)
Grazer Spuren der Grausamkeiten - derStandard.at
 
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